Artikel teilen auf

Mit ihren über 1300 Spezialistinnen und Spezialisten realisiert die BKW Planungsprojekte in den Bereichen Umwelt, Energie und Infrastruktur. Im Interview ist Hermann Ineichen, Mitglied der Konzernleitung der BKW und verantwortlich für den Aufbau und die Entwicklung des Netzwerks von BKW Engineering.

Hermann Ineichen, was machen Ihre Leute in den Projekten genau? Wie muss man sich das vorstellen?

Sie planen Grossprojekte. Das sind zum Beispiel neue Stadtteile, Quartiere mit all ihren Gebäuden, Gas-, Elektrizitäts- und Wassernetzen. Dazu gehört auch die Anbindung an den Verkehr – das können Strassenbahnen sein, Brücken, Bahnhöfe, Flughäfen. Als Generalplaner kümmern sie sich um die Gesamtplanung verschiedenster Ingenieurdisziplinen und deren Verbindung.

Gibt es konkrete Beispiele solcher Grossprojekte, die Firmen aus Ihrem Netzwerk bereits realisiert haben?

Da gibt es viele Beispiele! In der Schweiz ist das neue Wasserkraftwerk Hagneck am Bielersee eines davon. Ein Paradebeispiel eines Infrastrukturprojekts. Wir konnten einerseits die Leistung steigern, gleichzeitig aber auch die umliegende Natur wesentlich aufwerten – in meinen Augen das schönste Flusskraftwerk der Schweiz, ein mehrfach preisgekröntes Projekt. Im europäischen Ausland haben wir beispielsweise eine Fahrzeugfabrik für Volkswagen in Polen geplant sowie ein Logistikzentrum für Amazon. Zu den Referenzprojekten gehören auch Flughäfen, Verkehrswege, Krankenhäuser, Brücken und diverse Stadien.

 «Gesamtplanung heisst, die verschiedenen Ingenieurdisziplinen miteinander zu verbinden»

In jüngster Zeit haben Sie auch Firmen aus dem Bereich Vermessung und Prüfung übernommen – welche Projekte realisieren sie?

Die Grunder Ingenieure beispielsweise haben beim neuen Gotthardbasistunnel die Vermessung für den Einbau der Gleise und der Bahntechnik realisiert. In diesem Bereich bieten wir Dienstleistungen wie digitale Vermessungslösungen oder auch Prüfverfahren an. Wir erstellen damit Gutachten zur Bodenbeschaffenheit oder zur Festigkeit von Schweissnähten in Raffinerien oder Kraftwerken. Das Portfolio von Kompetenzen ist sehr breit geworden.

Aber diese Kompetenzen haben Sie in den letzten Jahren in erster Linie über Akquisitionen ausgebaut!

Das stimmt und ist ein zentraler Punkt. Wir bauen auf. Wir nehmen Unternehmen in unser Netzwerk auf, die erfolgreich am Markt unterwegs sind und die sich weiterentwickeln wollen. Sie bringen ihre Kompetenzen ein, wir als BKW bieten ihnen eine Plattform, ihre Kompetenzen mit jenen anderer Firmen zu vernetzen und mit ihnen zusammenzuarbeiten. So können sich die Firmen gegenseitig stärken und Möglichkeiten zur Weiterentwicklung schaffen.

Weshalb ist dieses Netzwerk so wichtig?

Wir stellen fest, dass Ausschreibungen immer grösser und komplexer werden. Die Auftraggeber schliessen sich zusammen, damit die Projekte ganzheitlicher geplant werden können. Dieser Entwicklung müssen wir als Anbieter Rechnung tragen. Durch den Ausbau unserer Kompetenzen und deren Vernetzung erreichen wir das. Wir können heute Projekte umsetzen, welche die einzelnen Firmen früher nicht realisieren konnten. Das ist die wesentliche Stärke unseres Netzwerks.

Wie begegnen Sie den immer höheren Anforderungen an die Infrastruktur?

Zu unserem umfangreichen Portfolio gehört ja bei Weitem nicht nur die Planung der Infrastruktur selbst. Wir liefern auch Gutachten zu Themen wie Boden, Luft, Wasser, Abwasser oder Schadstoffe und erstellen Konzepte für Quartiere oder ganze Städte. Ein cleveres Verkehrskonzept mit einem intelligenten Ampelsystem, gut erschlossenen Velowegen und richtig platzierten Autobahnzufahrten sorgt zum Beispiel dafür, dass der Verkehr optimal fliesst. Nebst den offensichtlichen Vorteilen für den Alltag der Menschen lassen sich so Kraftstoffe sparen und Schadstoffe reduzieren. Das ist energieeffizient und nachhaltig. Somit bieten wir Lösungen für eine lebenswerte Zukunft.

«Durch die Vernetzung der Kompetenzen können wir heute Projekte umsetzen, welche die einzelnen Firmen früher nicht realisieren konnten»

Sie erweitern mit dem Ingenieursgeschäft Ihr angestammtes Geschäft. Ist dieser Markt so attraktiv?

Wie unsere Kraftwerke sind auch andere Infrastrukturen sehr langlebig. Das heisst nicht, dass man sie über die Jahre einfach stehen lässt – im Gegenteil: Infrastruktur muss immer optimiert, erneuert, zum Teil ersetzt oder ergänzt werden. In Ländern wie Deutschland, Österreich und der Schweiz ist die Instandhaltung der grösste Teil des Kuchens, da ein Grossteil der Infrastruktur bereits vorhanden ist. Der Erneuerungsbedarf ist gross und wächst weiter. Damit gibt es für unsere Fachkräfte immer etwas zu tun.

Aber lassen sich die beiden Bereiche – das angestammte Geschäft im Energiebereich und die neuen Kompetenzen – denn auch sinnvoll verbinden?

Die BKW war schon immer ein Ingenieurunternehmen! Mit der Tätigkeit als Stromproduzentin waren automatisch auch Engineering-Kompetenzen in den Bereichen Wind- und Wasserkraft, Nukleartechnik und Netze nötig. Die neuen Kompetenzen ergänzen die bestehenden. Zentral ist, dass wir das Geschäft, das komplementär zum bestehenden Geschäft läuft, weiter ausbauen. Denn das macht Unternehmen als Ganzes robuster.

In aller Munde ist derzeit ja die Digitalisierung, welche Rolle spielt die hier?

Eine immer wichtigere. Zum Beispiel in der Vermessung. Digitale Vermessungsdaten können mit verschiedenen weiteren Daten kombiniert werden, um z.B. Verkehrswege zu planen, Hochwasserschutz von Regionen zu optimieren oder Bauwerke zu überwachen. Schon jetzt verfügt das Netzwerk über ein Team, das solche integrierten Planungsansätze einsetzt. Zudem ermöglichen die neuen Verfahren in der Vermessungs- und Prüftechnik ganz andere Aussagen. Denken Sie hier nur an die drohnengestützte Vermessung von Gelände und Bauwerken. Die Zukunft bleibt spannend!

Vermessung Gotthard-Basistunnel

Beim Jahrhundertbauwerk Gotthard-Basistunnel hat die im laufenden Jahr zur BKW gestossene Grunder Ingenieure AG die Unternehmervermessung für den Einbau der Bahntechnik durchgeführt. Zur Bahntechnik gehören Fahrbahn, Fahrleitung, Bahnstrom- und Stromversorgung, Kabel-, Telecom- und Funkanlagen, Sicherungs- und Automatisationssysteme sowie die Leittechnik.

Bei einer Gleislänge von total 147 Kilometern war millimetergenaue Arbeit gefragt. Die Spezialisten von Grunder bestimmten unter anderem die Einbaupunkte
für die Positionierung der Gleise und der Fahrleitungstragwerke im Tunnel und die Absteckungen an Weichen, Gleis, Masten und Kabelkanälen auf den offenen Zufahrtsstrecken im Norden und Süden des Tunnels.

Bahntechnikeinbau war die letzte grosse Etappe zur Realisierung des Gotthard-Basistunnels. Zum Abschluss erfasste Grunder die gesamte Bahntechnik mit der im deutschsprachigen Raum einmaligen 3-D-Mobile-Mapping-Lösung und stellte eine detailgetreue Datengrundlage dem Kunden zur Verfügung. Insgesamt waren bis zu zehn Spezialisten von Grunder während sieben Jahren bei diesem Grossprojekt im Einsatz.

Tobias Fässler

Tobias Fässler

Leiter Media Relations bei der BKW