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Die BKW testet die Blockchain in zwei Pilotprojekten: Im internationalen Stromhandel könnte die Technologie die Kosten für Brokerdienste senken. Zum anderen beteiligt sie sich an einem Leuchtturmprojekt mit einem Strommarkt für Solarenergie innerhalb eines Quartiers.

Stellen Sie sich vor, 300 Smartphones werden aufeinandergestapelt. Der Turm, der dabei entsteht, würde 20 Meter hoch in den Himmel ragen. Also höher hinauf, als die Häuser in der Siedlung rund um den Schwemmiweg in Walenstadt, die sich am Pilotprojekt «Quartierstrom» beteiligen. Mit dem Solarstrom, den die 28 privaten Anlagen auf diesen Häusern an einem sonnigen Wintertag Ende Februar 2019 innerhalb von 24 Stunden produziert haben, könnten alle 300 Smartphones ein Jahr lang täglich aufgeladen werden.

Private Produzenten handeln ihren Solarstrom im Quartier

Apropos Turm: Das Projekt «Quartierstrom» wird vom Bundesamt für Energie BFE als Leuchtturmprojekt unterstützt. Mehrere Unternehmen und Hochschulen sind daran beteiligt, darunter auch die BKW. In der «Quartierstrom»-Siedlung in Walenstadt haben sich 37 Parteien zu einem lokalen Strommarkt zusammengeschlossen. 28 Teilnehmende betreiben eine eigene Solarstromanlage, sieben sind reine Konsumenten, darunter ein Alters- und Pflegeheim.

Die selbst produzierte Energie handeln die Parteien zu einem grossen Teil innerhalb des Quartiers, zu einem Preis, der sich nach Angebot und Nachfrage richtet. Der Kauf und Verkauf des Stroms wird automatisiert über die Blockchain abgewickelt. Das ist quasi ein von allen Parteien zugängiges Kontobuch, das über viele Computer verteilt ist. Ein sogenannter Konsensus-Algorithmus sorgt dafür, dass die verschiedenen Kontoblöcke übereinstimmen. Die Details der einzelnen Transaktionen sind in automatisierten «Smart Contracts» geregelt

Thiemo Engelke, ICT Solution Architect der BKW

«Beim Projekt in Walenstadt steht der Forschungsgedanke im Vordergrund», sagt Thiemo Engelke, ICT Solution Architect der BKW. Das Ziel sei es, die nötigen Messeinheiten aufzubauen und zu vernetzen. Zudem wolle die BKW herausfinden, welches die optimale Grösse für solche Quartierstrom-Anlagen ist. «Wie viele Teilnehmer welcher Art braucht es, damit ein Handel unter den einzelnen Parteien stattfindet?»

Unter diesem Link gibt’s Hintergrundinformationen zum Projekt und Live-Daten zu Stromproduktion und –verbrauch sowie zu Eigenverbrauch und Energieversorgung der Quartierstrom-Gemeinschaft.

Weniger Geld für Broker ausgeben

Beim zweiten Blockchain-Projekt der BKW steht nicht die Forschung, sondern ein Business-Case im Vordergrund: Enerchain ist eine Handelsplattform für Energie (Strom und Gas). Die Blockchain-Technologie erlaubt es, dass Handelspartner einander vertrauen können, ohne dass eine Börse oder eine andere zentrale Handelsplattform wie ein Brooker die Deals abwickelt. Mathematische Algorithmen in einem dezentralen System stellen sicher, dass keine Manipulationen möglich sind und zu jeder Zeit klar ist, wer mit wem was wann gehandelt hat.

«Das Ziel ist es, Kosten, die bisher für Broker ausgegeben werden, zu reduzieren», sagt Thiemo Engelke. Zudem hätten Broker eine gewisse Marktmacht. «Die Blockchain gibt uns Optionen, diese Marktmacht künftig einzuschränken.» Eine weitere Chance liege darin, die Backendprozesse effizienter zu gestalten. «Nach einem abgeschlossenen Deal sind derzeit sehr viele händische Prozesse nötig, um das sogenannte Financial Settlement, also die Geldflüsse, abzuschliessen», betont Thiemo Engelke. Hier gebe es grosses Optimierungspotential mittels Smart-Contracts auf der Blockchain.

Für die Realisierung dieses Vorhabens haben sich im Rahmen von Enerchain über 40 Energie Unternehmen aus ganz Europa zusammengeschlossen, um gemeinsam ein Produkt zu kreieren, das die Anforderungen möglichst vieler Teilnehmer erfüllt. Die BKW ist seit Initiierung des Projekts im Mai 2017 dabei.

So funktioniert die Blockchain-Technologie

Folgende zwei Beiträge geben einen guten Einblick: Für einen raschen Überblick empfehlen wir diesen Filmbeitrag der ARD. Wer dagegen etwas gründlicher in die Materie eintauchen will, kann dies mit diesem Beitrag der SRF-Sendung Einstein tun.

Lesen Sie auch… Die Zeit wird reif für Blockchain in der Energiewende

Die deutsche Energie-Agentur hat Ende Februar 2019 die Resultate einer umfassenden Blockchain-Studie veröffentlicht. Das Fazit: «Die Technologie bietet Mehrwert für die Energiebranche». In diesem Blogbeitrag lesen Sie das Wichtigste zur besagten Studie, an der auch die BKW als Partner beteiligt war. Mehr dazu gibt es in diesem Blogbeitrag.

Tobias Habegger

Tobias Habegger

Senior Communication Manager BKW; Responsible Newsdesk