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Suzanne Thoma

Vergangenes Jahr haben wir unsere Produktion aus erneuerbaren Energien um zehn Prozent steigern können. Insbesondere der Ausbau der Windkraft nimmt an Fahrt auf, wozu vor allem neue Windparks in Frankreich und Norwegen beigetragen haben. Unsere internationale Ausrichtung zeigt Wirkung für das Unternehmen und die Umwelt.

Auch im Stromhandel sind wir grenzüberschreitend unterwegs. Was hat das mit erneuerbarer Energie und dem Verhältnis der Schweiz zur EU zu tun? Viel, denn mit der Ausserbetriebnahme von Kern- und Kohlekraftwerken sowie der Zunahme von Wind- und Solaranlagen hat sich der Strommarkt massiv verändert. Da Sonne und Wind keine beständigen Energielieferanten sind, müssen Schwankungen in der Produktion ausgeglichen werden, unter anderem durch steuerbare und flexible Kraftwerke (zum Beispiel Wasserkraftwerke). Der Preis für deren Leistung wird an internationalen Börsen ermittelt und durch die Nachfrage bestimmt.

Unsere europäischen Nachbarstaaten betreiben über solche Börsen einen effizienten Stromhandel: Frankreich, Deutschland, Italien und eine Reihe weiterer Länder haben ihre Strommärkte weitgehend zusammengeschlossen, sodass Handel über die Grenze problemlos möglich ist. Diesen Zusammenschluss nennt man Marktkopplung. Die Schweiz ist benachteiligt, da sie nur teilweise am System teilnehmen kann. Zwar ist das Schweizer Stromnetz physikalisch an das europäische Netz angeschlossen, und wenn Strom von Deutschland nach Frankreich oder Italien fliesst, so passiert er zuweilen auch unser Land.

Weil die Schweiz zunehmend vom europäischen Markt ausgeschlossen ist, können die Elektrizitätsunternehmen in der Schweiz weniger effizient Handel betreiben als diejenigen in unseren Nachbarstaaten. Schweizer Wasserkraftwerke können dadurch ihre flexible Produktion nicht einfach auf die Preisschwankungen in den ausländischen Märkten ausrichten. Dies mindert den Wert des Schweizer Kraftwerkparks massiv. Zudem machen ungeplante Stromflüsse über das Schweizer Übertragungsnetz immer öfter stabilisierende Eingriffe notwendig – ohne dass diese den Nachbarländern in Rechnung gestellt werden können. So verteuert sich der Betrieb der Schweizer Stromnetze – bezahlt werden muss das letztlich durch die Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten.

Der europäische Strommarkt steht vor grossen Umwälzungen. Mit der Energiewende und dem anhaltenden Ausbau erneuerbarer Energien erhält der kurzfristige grenzüberschreitende Stromhandel einen deutlich grösseren Stellenwert. Bisher war die Schweiz in den wichtigsten europäischen Stromgremien vertreten. Mit der europäischen Strommarktintegration könnte die Schweiz aber mit beschränktem Anschluss an den EU-Strommarkt bei Versorgungsengpässen das Nachsehen haben. Um sich voll an den europäischen Markt anzukoppeln, braucht die Schweiz ein Stromabkommen mit der EU. Die Bedingung dafür ist – nebst einer vollständigen Liberalisierung des Strommarkts im Inland – das Rahmenabkommen. Mehr erneuerbare Energien heisst also auch mehr Europa.

SI Gruen

SI Gruen

Beitrag aus dem Magazin SI Grün der Schweizer Illustrierten im Rahmen einer Zusammenarbeit der BKW mit Ringier / Article du magazine SI Grün de la Schweizer Illustrierte, dans le cadre d’une collaboration de BKW avec Ringier.