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Belgien sieht einem spannenden Winter ins Auge. Am 12. November wurde zwar der zweite der sieben Kernreaktoren wieder mit dem Netz synchronisiert, die anderen fünf aber produzieren keinen Strom. Damit könnte es eng – und im schlimmsten Fall dunkel – werden im Land, denn die Stromversorgung scheint nur mit Hilfe des Auslands und unter nicht zu extremer Kälte sichergestellt werden zu können.

Belgien hat sieben Kernreaktoren. Tihange-1, -2 und -3 (jeweils rund 1GW) sowie Doel-1, -2 (jeweils rund 430MW), und Doel-3 und -4 (jeweils rund 1GW). Zusammen decken diese knapp 6GW rund die Hälfte der belgischen Nachfrage ab. Etwa 30% seiner Nachfrage deckt das Land durch Gaskraftwerke ab, knapp 20% durch Erneuerbare.

Seit geraumer Zeit gibt es Probleme mit den Kernkraftwerken, was mit Hinblick auf die kälteren Wintertemperaturen und die höhere Nachfrage über die vergangenen Wochen auch die Regierung aufschrecken liess. Dabei wägte sich diese noch Anfang September relativ sicher, denn sie setzte die strategische Winterreserve zum ersten Mal seit fünf Jahren aus.

Danach ging alles etwas Holter die Polter, denn ebenfalls im September verzögerte das Energieunternehmen Engie die Wiederinbetriebnahme der Reaktoren Tihange-2 und Tihange-3 um mehrere Monate auf den 31. Mai 2019 respektive 1. März 2019. Die Korrekturarbeiten in Tihange-3 sind bereits im Gange, daher das frühere prognostizierte Rückkehrdatum (siehe auch Tabelle, Stand 12. November 2018).

Warnungen vom Federal Planning Bureau

In Folge dieser Revisionsverlängerungen warnte die unabhängige Behörde Federal Planning Bureau, dass Strom im November, aber auch in den folgenden Wintermonaten, knapp werden könnte und dass in einigen Kommunen der Strom stundenweise abgeschaltet werden müsste – und zwar selbst dann, wenn es nicht aussergewöhnlich kalt werde. Ob die durch die fehlenden Kernkraftwerke entstehende Lücke durch Importe geschlossen werden könne, sei ungewiss, so das Federal Planning Bureau. Denn auch die Verfügbarkeit der französischen Kernkraftwerke glänzte in letzter Zeit nicht sonderlich.

Anfang Oktober kündigte der französische Übertragungsnetzbetreiber RTE an, für besonders kalte Perioden „wahrscheinlich 1GW an Kapazitäten für den belgischen Markt zurückhalten“ zu wollen. Zudem reduzierte die Ankündigung der Engie, die Wartung des Reaktors Tihange-1 (1GW) um zwei Wochen vorzuziehen und zu verkürzen, die Sorgen vor Engpässen ebenfalls. Tihange-1 sollte ursprünglich erst Ende November wieder ans Netz kommen, wurde aber am 12. November schon wieder mit dem Netz synchronisiert.

Elia, der belgische Übertragungsnetzbetreiber, liess dennoch verlauten, dass bei kaltem Wetter im Januar und Februar weiterhin Lösungen gebraucht würden, um die Nachfrage zu decken. Laut dem Übertragungsnetzbetreiber ist die Marktsituation Anfang 2019 schwieriger, weil Importoptionen limitierter sind. Und kalt kann es dann überall werden.

Und die Nachbarländer?

In Europa sind Stromversorger in das europäische Verbundnetz eingebunden. So ist Belgien physisch verbunden mit Frankreich, den Niederlanden und Luxemburg. Neben Frankreich hat auch Deutschland versprochen zu helfen.

Hier soll aber angemerkt sein, dass keine direkte Verbindung zwischen Deutschland und Belgien besteht und dass der Engpass immer das Stromnetz ist, denn es kann physisch nun mal nicht mehr Strom fliessen, als es Kapazität hat. Deutscher Strom kann indes über Frankreich und die Niederlande nach Belgien fliessen. Allerdings können innerdeutsche Netzengpässe diese Flüsse beeinträchtigen.

Der Einfluss auf die Preise

Die Unsicherheit um die belgischen Kernkraftwerke spiegelt sich auch in den Strompreisen: als Engie die Verspätung der Reaktoren am 24. September publizierte, schoss der belgische Strompreis, welchen wir im Chart am Q119 Base exemplarisch veranschaulichen, nach oben und Belgien entkoppelte sich von den Nachbarländern. Mitte Oktober verkündigte Engie dann, einige seiner belgischen Kraftwerke früher als bisher geplant wieder in Betrieb nehmen zu wollen, was zur Beruhigung der Strompreise beitrug. Laut Engie sollen bis Ende des Jahres fünf Reaktoren wieder Strom produzieren: Doel-3, welches ohnehin in Betrieb ist, die drei weiteren Doel-Reaktoren sowie Tihange-1 per 12. November. Dies dämpfte zwar die Strompreise, aber es bleibt eine Prämie zu den Nachbarländern.

Alexandra Berchtold

Alexandra Berchtold

Die Analystin Handel ist verantwortlich für die qualitative Analyse der wichtigsten Strom- und Brennstoffmärkte, die Berichte und den Fluss der Nachrichten in die relevanten Kanäle innerhalb der BKW.