Artikel teilen auf
© Gian Paul Lozza

Der Schnee von morgen liegt ihr am Herzen: Langlauf-Athletin Seraina Boner will sich eine Welt ohne weisse Winter nicht vorstellen.

Sie hat ganz schön Ausdauer! Und das gleich in doppeltem Sinne: Seraina Boner zählt zur Weltspitze der Langdistanz-Langläuferinnen. Zudem gehört sie mit 35 zu den «Dienstältesten» im Skizirkus. Moti­vations­tiefs? Klar gebe es die! Doch die in Klosters aufgewachsene Athletin findet es nach wie vor ein Privileg, täglich in der Natur zu trai­nieren. Auch heute zieht es sie nach draussen: Anstatt mit dem Bus zum Fotoshooting ins Dischma­tal zu fahren, schnallt sich Seraina Boner ­lieber die Rollski an. Es ist ihre «Hausstrecke», perfekt erreichbar von der kleinen Davoser Blockwohnung aus, die sie sich mit Partner Toni Livers – ebenfalls Langlauf-Profi – teilt. Angekommen im Berggasthaus Dürrboden auf 2000 Metern, taucht
man angenehm ab: kein Handy­empfang, keine Motoren­geräusche, nur das gemütliche Knistern des Feuers im Ofen

GRUEN: Frau Boner, sind Sie froh, dass es endlich wieder kälter wird?

Na, ja, so schlimm war der Sommer nicht! Ich hab ihn in den Bergen verbracht und war zudem oft im Norden. Gerade komme ich aus Oslo, wo ich einen Erasmus-Austausch absolviere. Ich habe letztes Jahr ein Teilzeitstudium in Magglingen gestartet, mache nun einen Master in Sport­wissenschaften.

Auf Norwegisch?

Ja, manche Vorlesungen ­werden tatsächlich auf Nor­wegisch abgehalten. Aber das geht ganz gut. Schriftlich verstehe ich fast alles, mündlich kann es je nach ­Aussprache etwas heraus­fordernd ­werden.

In Skandinavien sind Sie wegen Ihrer zahlreichen Siege bei den dortigen Volksläufen ein Star. Hier in der Schweiz wird Ihr Erfolg immer noch etwas unterschätzt. Nervt Sie das?

Grundsätzlich mache ich das alles ja nicht, um ein Star zu werden. Sondern weil es mir Freude bereitet. Aber logisch, um Partner und Sponsoren zu finden, braucht man eine gewisse Bekanntheit. Ich hatte lange Zeit nur Sponsoren aus Skandinavien – jetzt hat sich das ausgeglichen, mit der BKW habe ich einen Schweizer Sponsor. Was toll ist: ­Die grossen Volksläufe wie Birkebeiner oder Wasalauf werden auch hierzulande ­langsam populärer.

© Gian Paul Lozza

Langlauf scheint allgemein im Trend zu liegen. Früher galt der Sport ja eher als uncool

Stimmt. Heute kaufen sich sogar Hipster Langlaufski, und im Sommer werde ich angefragt, ob ich Rollski-Kurse geben könnte. Das wäre noch vor ein paar Jahren undenkbar gewesen.

Viele weichen von der Piste auf die Loipe aus, verzichten lieber auf die aufwendige ­Infrastruktur beim Alpin­skifahren. Ist Langlauf ein nachhaltiger Wintersport?

Im Vergleich sicher. Die Hilfsmittel, die man benötigt, sind beschränkt. Klar, in Davos sind wir verwöhnt, die Loipe wird täglich neu gespurt. Und natürlich sind Schneemangel und die künstliche Schneepro­duktion bei allen Wintersportarten ein Thema. Aber gerade da gibt es ja innovative Ansätze, hier in Davos unter anderem mit Snowfarming: Ein Schneeberg wird im Frühling mit Sägespänen zugedeckt und im Herbst zum Präparieren der Loipe verwendet.

In den letzten Jahren mussten Sie öfter auf einem weissen Streifen, umgeben von Grün, langlaufen. Schlimm?

Es macht definitiv mehr Spass in einer schönen Winterlandschaft! Eine Welt ohne Schnee – für mich unvorstellbar.

Sie engagieren sich deshalb auch für die Kampagne «I am pro snow».

Genau. Das ist eine Initiative, welche von Nobelpreisträger Al Gores Umweltschutz­organisation Climate Reality Project gestartet wurde. Die Idee: Wintersportler aus der ganzen Welt setzen sich für den Klimaschutz ein, sensi­bilisieren in ihrem Land die Bevölkerung und offizielle Vertreter für Umweltthemen. In der Schweiz haben sich im Zuge dieser Kampagne mit Laax, Lenzerheide/Arosa und St. Moritz bereits drei Ski­regio­nen verpflichtet, bis 2030 klimaneutral zu werden und 100 Prozent auf erneuerbare Energien zu setzen. Bei den Destinationsverantwort­lichen von Davos Klosters hab ich auch schon angefragt – leider bis jetzt mit wenig Erfolg.

© Gian Paul Lozza

Wie umweltbewusst leben Sie selbst?

Ich spare Wasser, lasse nicht unnötig Licht brennen, trenne Abfall. Ich war mal zehn Jahre lang Vegetarierin. Leider musste ich dann merken, dass mein Körper Fleisch braucht, um leistungsfähig zu sein.

Achten Sie beim Kochen darauf, woher die Zutaten stammen?

Ja. Wir haben das Glück, dass Tonis und meine Eltern uns säckeweise mit Gemüse und Früchten versorgen. Meine Eltern haben einen grossen Garten, jene von Toni einen Bauernhof. Von ihnen bekommen wir auch Fleisch und Eier.

Selbst haben Sie keinen grünen Daumen?

Weniger. Die Palme in unserem Wohnzimmer wächst zwar dermassen, dass wir uns bald ein grösseres Zuhause suchen müssen (lacht), aber das mit den Balkonpflanzen funktioniert nicht, wir sind zu oft unterwegs. Dafür pflücke ich morgens beim ­Training schon mal Heidel­beeren fürs Frühstück. Und wir gehen im Herbst Pilze sammeln. Das habe ich schon als Kind gemacht.

Sie sind in Klosters auf­gewach­sen. Waren Sie ein «Naturkind»?

Wir waren oft wandern, hatten ein Maiensäss in Fideris. So bekommt man sicher einen Bezug zur Natur. Mein Vater hatte zudem eine Schreinerei, die Arbeit mit Holz hat mir immer gefallen. Für unsere Davoser Wohnung habe ich sogar zwei Regale gebaut.

© Gian Paul Lozza

Und was für Kleider findet man in Ihrem Schrank?

Nicht allzu viele! Die Sport­be­kleidung erhalte ich von den Sponsoren, meine Freizeitgarderobe «erbe» ich oft von meiner mode­affineren Schwester.

In Davos sind Sie mit dem Velo unterwegs. Haben Sie gar kein Auto?

Doch, für längere Distanzen habe ich einen Audi E-Tron. Ein Hybridfahrzeug, das man mit Strom aufladen kann. Rund fünfzig Kilometer funktioniert er elektrisch, dann wechselt der Motor auf Benzin.

Funktioniert das mit dem Aufladen im Alltag?

Ja. Ich habe die Move-Ladekarte der BKW, dazu eine App zur Lokalisierung der nächstgelegenen freien Ladestation. Dort kann ich das Auto komplett mit Ökostrom «auftanken». So fortschrittlich wie Norwegen ist die Schweiz allerdings noch nicht: In Oslo parkiert man mit Elektroautos gratis, zahlt keine Strassen­gebühren. Und alle 200 Meter hat es eine Ladestation.

Kommen wir zurück zum Langlaufen: Bald beginnt die Saison. Sind Sie in Form?

Das zu beurteilen, ist extrem schwierig! Ich trainiere im Sommer oft alleine, habe ­keinen Vergleich. Vom Gefühl her bin ich noch nicht auf dem Level, auf dem ich gerne wäre. Der letzte Winter war schwierig: Nach acht Jahren Lernpause hab ich wieder begonnen zu studieren – alles war neu. Gleichzeitig hab ich zu viel trainiert. Am Ende hatte ich klassische Übertrainingssymptome, konnte kaum noch schlafen. Ich musste meinem Körper eine Pause gönnen und wieder ganz unten starten. Jetzt bin ich auf gutem Weg, aber die Wochen bis zum Saison­start muss ich noch nutzen.

© Gian Paul Lozza

Sie trainieren bewusst ohne Musik. Warum?

Weil ich wahrnehmen möchte, was um mich herum passiert. In der Natur ist es nie still, jeder Untergrund klingt anders. Guter Schnee ist am Geräusch erkennbar und leise. Im Gegen­satz zum schlechten Frühlingsschnee, der macht richtig Krach!

Die Olympischen Spiele in Südkorea stehen bevor. Freuen Sie sich?

Natürlich hoffe ich, dass ich mich qualifizieren kann. Schade ist, dass es sich nach Sotschi bereits um den zweiten Austragungsort handelt, der nicht nachhaltig funktionieren wird. Da stampft man Infrastruktur aus dem Boden, die mit grosser Wahrscheinlichkeit danach zerfällt. Und die Bevölkerung vor Ort hat wenig Inte­resse an den gezeigten Sport­arten. Dabei ist es das Grösste, vor motiviertem Publikum zu laufen.

Mit 35 gehören Sie schon fast zum alten Eisen…

Was heisst fast? (Lacht.) In der Schweiz wird mir oft gesagt, dass ich alt bin, bald nicht mehr langlaufen könne. Oder man fragt mich, ob ich auch noch was Richtiges mache… In Skandinavien ist das anders, da gilt man als erfahren und wird ermuntert, so lange weiterzulaufen, wie es Spass macht.

Und was machen Sie?

Das, was mir Spass macht! Ich könnte mir vorstellen, in die Erwachsenenbildung zu gehen oder in die Wissenschaft. Haupt­sache, es ist etwas, wofür ich morgens gerne aufstehe.