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Markus Rufer auf dem Rundgang durchs Reaktorgebäude mit zwei Kollegen. Der Austausch mit ihnen ist wichtig und wertvoll für seine Arbeit. Alle Foto- und Videoaufnahmen entstanden im Februar 2020, vor den Abstand- und Hygienemassnahmen im Zusammenhang mit dem Coronavirus.

Seit Anfang 2020 läuft der Rückbau im Kernkraftwerk Mühleberg (KKM). An vorderster Front mit dabei ist Markus Rufer. Nachdem er viele Jahre für den Unterhalt der Anlage gearbeitet hat, ist er jetzt zuständig für die Demontage im Reaktorgebäude. Eine Arbeit, die ebenso abwechslungsreich wie intensiv ist.

Zusammen mit zwei Kollegen macht Markus Rufer einen Kontrollgang durch das Reaktorgebäude. Die drei müssen laut sprechen, um sich zu verstehen: Gerade zerschneidet eine Seilsäge einen der letzten Abschirmsteine im unteren Bereich des Reaktorgebäudes. In den ersten Wochen des Rückbaus sind nicht nur hier, sondern auch ganz oben im Reaktorgebäude die tonnenschweren Abdeck- und Abschirmsteine von der Reaktorgrube weggehoben, zerlegt, verpackt und wegtransportiert worden. Während des Betriebs dienten sie als eine von mehreren Massnahmen zum Schutz vor Radioaktivität, nun werden sie nicht mehr benötigt. Was es aber braucht, ist Platz für die weiteren Rückbauarbeiten.

Im wahrsten Sinne des Wortes «viele Baustellen»

«Im Rückbau ist es ein bisschen wie in der Jahresrevision, aber wir bauen Systeme und Komponenten nur auseinander und nicht wieder zusammen», sagt Markus Rufer, der schon seit 27 Jahren im KKM arbeitet. Er war lange als Gruppenleiter Reaktor in der Maschinentechnik unter anderem für die Instandhaltung und das Öffnen und Schliessen des Reaktordruckbehälters zuständig, bevor er 2017 als Projektleiter Demontage in die Abteilung Rückbau wechselte.

Früher hat Markus Rufer sich um die Instandhaltung in der Maschinetechnik im Bereich Reaktor sowie um die Durchführung von Brennelementabtransporten vor Ort im Reaktorgebäude gekümmert, jetzt ist er für die Demontagearbeiten zuständig.

Die neue Herausforderung macht ihm Spass. Dabei profitiert er auch von seiner langjährigen Erfahrung. Tut es nicht ein bisschen weh, die Anlage, die er jahrelang gehegt und gepflegt hat, jetzt in ihre Einzelteile zu zerlegen? Markus Rufer ist pragmatisch: «Nein. Das Produkt ist jetzt einfach ein anderes. Wir haben viel Zeit in die Planung investiert und jetzt freuen wir uns, das durchzuziehen.»

«Wir haben viel Zeit in die Planung investiert und jetzt freuen wir uns, das durchzuziehen.»

Als Nächstes stehen die Zerlegung des Deckels des Sicherheitsbehälters und der Isolierhaube an. Beide dienen als Verschlüsse von Gefässen, welche den Reaktor umgeben. Auch hier handelt es sich um Elemente, die im Betrieb vor Radioaktivität schützten. Dazu kommt der Ausbau der Steuerstäbe, mit denen die Leistung des Reaktors gesteuert wurde, sowie deren Antriebe. Bald schon wird Markus Rufer also wortwörtlich mehrere Baustellen haben. Doch er tauscht sich regelmässig mit den Fachkräften vor Ort aus und behält so stets den Überblick.

Minutengenaue Planung

Im Moment ist Markus Rufer intensiv mit der Planung beschäftigt – und die gibt einiges zu tun. Auch wenn das KKM seit dem 20. Dezember 2019 keinen Strom mehr produziert, ist es immer noch eine Kernanlage. Es gelten höchste Ansprüche an die Sicherheit. Für jeden Schritt braucht es einen Arbeitsschein, also das «grüne Licht», damit die entsprechende Arbeit ausgeführt werden darf. Wichtig ist auch die Abstimmung mit den Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen Abteilungen innerhalb des KKM und mit Fremdfirmen, die Spezialaufträge ausführen. Am Schluss muss alles zusammenpassen. «Das Zusammenspiel von vielen verschiedenen Stellen macht meine Arbeit spannend und abwechslungsreich», so Markus Rufer.

Zu seinen Aufgaben zählt auch eine genaue Einsatzplanung. Er berechnet unter anderem, wie viele Personen für eine Arbeit benötigt werden und wie lange diese im Einsatz sein können. Dabei gilt es vieles zu berücksichtigten: So muss man für Arbeiten im Reaktorgebäude mehrere Schleusen passieren und sich nicht selten mehrmals umziehen. Dazu kommen Herausforderungen, wie man sie auch sonst auf Baustellen kennt. Den grössten Respekt hat Markus Rufer vor dem Ausbau und der Zerlegung der Isolierhaube: Hergestellt in den 1960er-Jahren ist sie asbesthaltig. Um zu vermeiden, dass asbesthaltiger Staub entweicht, braucht es eine Einhausung mit Unterdruck. Darin gibt es auch Duschen, damit die Mitarbeitenden nichts mit nach draussen tragen. All das wird dort aufgebaut, wo vor Kurzem noch die grossen Abschirmsteine zerschnitten worden sind.

«Das Zusammenspiel von vielen verschiedenen Stellen macht meine Arbeit spannend und abwechslungsreich.»

Dort, wo noch vor kurzem grosse Abdecksteine zersägt wurden, entstehen bald die Baustellen für Markus Rufers nächsten Projekte.

Es gibt noch viel zu tun

Nach dem Rundgang im Reaktorgebäude kehrt Markus Rufer an seinen Bürotisch zurück. Aus dem Fenster des Grossraumbüros sieht er direkt auf die Aare. «Gerade jetzt, wo meine Arbeitstage eher lang sind, bin ich froh, dass ich so eine tolle Aussicht habe», sagt Markus Rufer.

Markus Rufer an seinem Arbeitsplatz mit Blick auf die Aare.

Die aktuelle Phase ist für ihn sehr intensiv, ab Juni 2020 sollte es wieder etwas ruhiger werden. Doch dann stehen schon bald die nächsten Planungsschritte an. Das Innere des Reaktors muss zerlegt werden. Wie geht es für den 52-Jährigen weiter, wenn auch diese Arbeiten abgeschlossen sind? Darüber macht er sich noch keine Gedanken: «Im KKM wird es noch lange sehr viel zu tun geben», sagt Markus Rufer. Und danach werden ja irgendwann auch die weiteren Schweizer Kernkraftwerke zurückgebaut. Aber bis dahin wird vor Markus Rufers Fenster noch viel Wasser die Aare runterfliessen.

Mehr Informationen zur Stilllegung des KKM

www.bkw.ch/stilllegung

Sabrina Schellenberg

Sabrina Schellenberg

Deputy Head of Media & Newsroom bei der BKW