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Die Abteilung Energiehandel bei der BKW beschäftigt über hundert Mitarbeitende. Diese steuern einen beachtlichen Teil zum Erfolg des Unternehmens bei. Doch was genau macht eigentlich ein Energiehändler den lieben langen Tag? Ein Besuch bei Julien Schreyer, Leiter Short Term Trading bei der BKW, gibt Einblick in das spannende Geschäftsfeld.

Schon beim Betreten des vierten Stocks des BKW Hauptgebäudes am Viktoriaplatz merkt man, dass hier eine ganz eigene Stimmung herrscht. Vor jedem Mitarbeitenden prangen vier, fünf oder sogar sechs Bildschirme. Die Beleuchtung ist runtergedreht, die Mitarbeitenden vertieft in ihre Screens. Nur ab und zu ruft eine englischsprechende Stimme aus den offenen Telefonleitungen etwas schwer Verständliches, zumindest für das ungeübte Ohr. Julien Schreyer erklärt mir, dass es sich dabei um Broker handelt, die von London aus ihre Geschäfte abwickeln.

Im Energiehandel zählt jedes Detail

Julien ist Leiter Short Term Trading bei der BKW und damit für den Spothandel zuständig. Er handelt Strom zwischen der Schweiz, Deutschland, Frankreich, Italien und Grossbritannien. Seit Kurzem ist Julien mit seinem Team auch in Belgien und Holland aktiv. Das erklärt auch die vielen Bildschirme an Juliens Arbeitsplatz. Für jeden dieser Märkte hat er einen Screen, der ihm alle notwendigen Informationen gibt, um seine Entscheidungen zu treffen. Denn es gibt zahlreiche Faktoren, die sich auf den Strompreis auswirken. Beispielsweise das Wetter, das auf die erneuerbaren Energien wie Solar- und Windenergie einen Einfluss hat. Auch die Temperaturen spielen hier eine grosse Rolle, vor allem für den französischen Markt. «Da in Frankreich noch oft mit Elektroheizungen geheizt wird und schon ein Temperaturunterschied von einem Grad einen Lastunterschied bedeutet, ist die aktuelle Temperatur ein wichtiges Indiz für uns, um den französischen Markt zu handeln», erklärt mir Julien.

Plötzlich fängt Julien an, auf seiner Tastatur herumzutippen. Während wir uns unterhalten, ist auf seinem Bildschirm ein Fenster aufgepoppt. Es ist eine Pushbenachrichtigung. Die Schweizer Börse ist herausgekommen. Wie jeden Tag um 11.10 Uhr. Sie gibt als Index den Tagespreis für Strom in der Schweiz an. Die Börse kam bei 45.50 Euro raus, wurde aber bei 47 Euro gehandelt, also zu hoch. Das hat nun Auswirkungen, sowohl auf Juliens Berechnungen als auch auf die aller anderen.

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Analyse ist das A und O des Energiehandels

Der grösste Teil des Energiehandels besteht aus Analyse. «Man muss sich jeden Tag aufs Neue ein Bild von der Situation verschaffen und seine Prognosen machen», sagt Julien. Es liegt an ihm zu eruieren, was es für den deutschen Strommarkt bedeutet, wenn ein Kraftwerk in Frankreich ausfällt. Jeder Trader ist auch ein Analyst. Sei es die Analyse von Wettervorhersagen oder gar komplexere Berechnungen wie neue Steuern auf den Kohlepreis. Für einen Energiehändler gilt es stets, Angebot und Nachfrage zu eruieren, neue Gesetze, die sich auf den Strompreis auswirken, geschickt vorauszudeuten und mögliche Szenarien durchzuspielen. Unterstützung erhalten die Trader zudem von ausgewiesenen Analysten.

Ein anonymes Geschäft

Multitasking scheint kein Problem zu sein für Julien. Während wir uns unterhalten, kauft der Trader nebenbei Strom für den ganzen Monat. Von wem, frage ich. «Das weiss man nicht, bis das Geschäft gemacht ist. Der Markt ist anonym. Es handelt sich um internationale Player», so Julien. Die Motive sind unterschiedlich. Einerseits handelt es sich um Produzenten, die eigene Assets haben und ihr Produkt an den Markt bringen. So wie zum Beispiel die BKW mit ihren Kraftwerksanlagen in der Schweiz, Deutschland, Frankreich und Italien, die es zu bewirtschaften gilt. Andererseits gibt es auch den Eigenhandel. Dieser wird von jedem betrieben, unabhängig davon, ob man eine eigene Produktion hat oder nicht. Dabei geht es schlicht darum, zu den besten Bedingungen zu kaufen und wieder zu verkaufen und so einen Profit zu erwirtschaften.

Ein internationaler Markt

«Der Strommarkt muss natürlich international bearbeitet werden», erklärt mir Julien. «Denn in der Schweiz befinden wir uns alle im gleichen Boot. Wir alle haben im Frühling/Sommer zu viel Energie und im Winter zu wenig. Untereinander kann man sich da schlecht aushelfen.» Auch deshalb tauscht man sich mit anderen Ländern aus. In den Frühlingsmonaten, wenn in der Schweiz die Schneeschmelze die heimische Wasserkraft auf Hochtouren bringt, versucht man den Strom zu verkaufen und im Winter kauft man ihn wieder ein.

Julien merkt man die Faszination für seine Arbeit an. Er ist Trader mit Leib und Seele. Und das sehr erfolgreich. Mit seinem 5-köpfigen Team trägt er Tag für Tag zum Erfolg der BKW bei. Gerade poppt wieder etwas auf einem seiner Bildschirme auf. Ein Klick da, ein Klick dort. Eines ist klar: Langweilig wird es bei einem Trader den ganzen lieben langen Tag nie.

Ivana Jazo

Ivana Jazo

Redaktorin und Kommunikationsexpertin bei der BKW

Christian Aebi

Christian Aebi

Filmemacher und Redaktor Digital Experience bei der BKW