Artikel teilen auf
Steinkohle

Gas-und-Dampf-Kraftwerke werden heute deutlich häufiger zur Deckung der Stromnachfrage eingesetzt als noch vor einem Jahr, Tendenz für die Zukunft weiter steigend – und dies zu Lasten von Steinkohlekraftwerken. Unter dem Strich wird dadurch der CO2-Ausstoss der Stromerzeugung reduziert.

 

Dieser Blogbeitrag wirft einen Blick auf die Einsatzreihenfolge von Kraftwerken (Merit Order) im deutschen Strommarkt mit Fokus auf Steinkohle- sowie Gas-und-Dampf-Kraftwerke (GuD). Die Merit Order für diese beiden Technologien wird bestimmt durch die Preise von Steinkohle beziehungsweise Gas sowie von CO2-Zertifikaten (EUAs). Und mit den seit gut einem Jahr stetig steigenden Preisen der EUAs hat sich viel verändert: GuD-Kraftwerke verdrängen zunehmend die Steinkohle aus der Merit Order. King Coal is losing out…

Aber von vorne: Was ist die Merit Order?

Die Einsatzreihenfolge der Kraftwerke ist geordnet nach aufsteigenden Grenzkosten, also jenen Kosten, die durch die Produktion einer zusätzlichen Stromeinheit entstehen. Aus der Merit Order kann der Strompreis für einen bestimmten Zeitpunkt abgelesen werden: So setzt das letzte Kraftwerk, das gebraucht wird, um die Stromnachfrage zu einem bestimmten Zeitpunkt zu decken, den Preis für diesen Zeitpunkt.

 

GuDs sind die Gaskraftwerke mit dem höchsten Wirkungsgrad und entsprechend den günstigsten Grenzkosten. Gemäss Kraftwerksdaten von Energy Brainpool beträgt in Deutschland die installierte Nettoleistung von Steinkohlekraftwerken aktuell rund 21GW und jene von GuD-Kraftwerken knapp 16GW.

 

Chart 1

Chart 1 zeigt kraftwerksscharf gerechnet die Merit Order für die beiden genannten Kraftwerkstypen. Auf der Abszisse ist die kumulierte (verfügbare) Nettoleistung in MW abgetragen, die Ordinate zeigt die Grenzkosten in €/MWh. Letztere sind im Wesentlichen eine Funktion des Wirkungsgrads eines Kraftwerks sowie des Brennstoff- und des EUA-Preises. Die Grafik reflektiert die Merit Order für das Cal18 mit Preisen vom 10. Mai 2017, welche in folgender Tabelle angegeben sind. Man erkennt das über lange Zeit gewohnte Bild: knapp 20GW an Steinkohlekraftwerken weisen günstigere Grenzkosten auf als die effizientesten GuD-Kraftwerke.

Die Sache mit den Preisen…

Aber die Merit Order ist alles andere als statisch. So verändert sich die verfügbare Leistung kurz- und mittelfristig durch ungeplante Ausfälle und Revisionen sowie längerfristig durch Kraftwerkszubau und -rückbauprojekte. Die Grenzkosten ihrerseits ändern sich mit Bewegungen der Brennstoff- und CO2-Preise und diese haben sich in der jüngeren Vergangenheit deutlich verändert. Vor allem der Anstieg der CO2-Preise sticht dabei ins Auge: Seit Mai 2018 haben sich diese nahezu verdoppelt und seit Mai 2017 mehr als verfünffacht (siehe Tabelle). Da ein Steinkohlekraftwerk mit mittlerem Wirkungsgrad rund 2.3-mal so viel CO2 emittiert wie ein GuD-Kraftwerk mit mittlerem Wirkungsgrad, hat der Preisanstieg in CO2 einen deutlich grösseren Effekt auf die Grenzkosten von Steinkohle- als auf die Grenzkosten von Gaskraftwerken.

 

Chart 2

Chart 3

Die Wirkung dieser Preisveränderung auf die Merit Order soll für das anstehende Sommerquartal Q319 verglichen mit dem Q318 dargestellt werden. Die Merit Order für das Q318 gerechnet mit Preisen vom 10. Mai 2018 zeigt das historisch gewohnte Bild «Kohle vor Gas» (Chart 2). Für das Q319 mit Preisen vom 10. Mai 2019 hat sich das Bild nahezu umgedreht (Chart 3). Knapp 9GW an GuD-Kapazität weisen günstigere Grenz¬kosten auf als das effizien¬teste Steinkohlekraft¬werk, womit Steinkohleanlagen bei derzeitigen Preisen im grossen Stil durch GuD-Kraftwerke verdrängt werden.

Gekommen um zu bleiben?

Ein Blick auf die Merit Order für das Cal22 zeigt, dass sich die Verdrängung von Kohle durch Gas nicht auf den aktuellen Sommer beschränkt. Zwar ist der Fuel Switch im dritten Frontjahr nicht so ausgeprägt, aber der Trend ist klar ersichtlich: mit Preisen vom 10. Mai 2019 liefern sich Steinkohle- und GuD-Kraftwerke ein Kopf-an-Kopf-Rennen um die Einsatzreihenfolge (Chart 4).

 

Chart 4

Damit werden GuD-Kraftwerke heute und in Zukunft deutlich häufiger zur Deckung der Stromnachfrage eingesetzt als noch vor einem Jahr und dies zu Lasten von Steinkohlekraftwerken. Bedeutet: die Politik hat durch die Marktstabilitätsreserve das erreicht, was sie wollte: Klimaverschmutzung teurer machen und den CO2-Ausstoss der Stromerzeugung reduzieren. Eine gute Nachricht fürs Klima.

 

Der häufigere Einsatz von Gaskraftwerken bedeutet weiter, dass diese häufiger preissetzend für Strom und so relevanter für die Einschätzung und die Prognose von Strompreisen und für die Strompreismodelle sind.

 

Allerdings soll an dieser Stelle nochmal betont sein, dass die Merit Order nicht statisch ist. Durch die beschriebene Reduktion des CO2-Ausstosses wird tendenziell die Nachfrage nach CO2-Zertifikaten und damit ihr Preis reduziert, womit die Kohle- gegenüber der Gasverstromung wieder an Attraktivität gewinnt und die Verdrängung der Kohle durch Gas mindestens in Teilen zurückbuchstabiert werden könnte. Veränderungen der Gas- und Kohlepreise – welche ihrerseits globale Brennstoffe sind und auch von globalen Ereignissen bewegt werden – können ihrerseits die Einsatzreihenfolge der Kraftwerke und so den CO2-Ausstoss und die Strompreisdynamik verändern.

 

Ausserdem ist nicht nur der Zertifikatehandel in Bewegung, sondern auch die Politik steht nicht still. So haben einige europäische Länder schon Steuern auf CO2 eingeführt, andere – auch Deutschland – überlegen solche Schritte.

Alexandra Berchtold

Alexandra Berchtold

Die Analystin Handel ist verantwortlich für die qualitative Analyse der wichtigsten Strom- und Brennstoffmärkte, die Berichte und den Fluss der Nachrichten in die relevanten Kanäle innerhalb der BKW.