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Dieser Blog beleuchtet die deutschen Kernkraftwerke, ihr gesetzliches Abschaltdatum sowie ihr Ende laut allozierten Reststrommengen, mögliche Tauschgeschäfte unter den Betreibern sowie die Debatte rund um die Versorgungssicherheit. 

Lange hatte Deutschland eine On-Off-Beziehung mit der Kernkraft, welche 2011 als Folge von Fukushima offiziell in Scheidung endete. Zu jenem Zeitpunkt beorderte Langzeitkanzlerin Angela Merkel sieben KKWs mit sofortigem Effekt vom Netz und die Regierung legte im Atomgesetz fest, dass für die letzten deutschen Kernkraftwerke Ende 2022 die Berechtigung zum Leistungsbetrieb erlischt.

In der folgenden Tabelle des Bundesamtes für Strahlenschutz finden sich die Termine, zu welchen die noch laufenden KKWs per Gesetz vom Netz müssen. Neben dem gesetzlichen Aus gibt es noch Reststrommengen für jedes KKW, also eine bestimmte Menge Strom, welche jeder einzelne Meiler produzieren darf. Sind diese Kontingente früher aufgebraucht als die offizielle Betriebsbewilligung erlischt, so müssen die Meiler vom Netz.

Keine Regel ohne Ausnahme, denn Elektrizitätsmengen können ganz oder teilweise von einem – in der Regel älteren – KKW auf ein anderes KKW übertragen werden. Auch eine Übertragung der noch verbliebenen Strommengen von nach Fukushima abgeschalteten Kernkraftwerken ist unter Zustimmung der Regierung möglich.

* Am 10. Januar 2018 wurde eine Elektrizitätsmenge von 31TWh auf das KKW Gundremmingen-C übertragen. Diese Menge stammt aus bereits abgeschalteten KKWs: 30TWh aus dem Kontingent von RWEs Mühlheim-Kärlich und 1TWh aus dem Kontingent von E.Ons Unterweser.

Entschädigung der Konzerne

Wegen des Ausstiegs aus dem Ausstieg hat der deutsche Bundestag Ende Juni den Weg für Entschädigungszahlungen an die Konzerne auf den Weg gebracht. Diese Novelle des Atomgesetzes regelt die Zahlungen für bereits getätigte Investitionen und für verfallene Stromproduktionsrechte, sollten die Konzerne den zugeteilten Strom in den jeweiligen Reaktoren nicht mehr produzieren können. Die genaue Entschädigungssumme, welche die Regierung zahlen wird müssen, wird erst 2023 ermittelt werden können, wenn die tatsächlich nicht produzierte Strommenge und damit die entgangenen Gewinne feststehen.

Entschädigungen erhalten sollen RWE und Vattenfall. Dem Betreiber E.On bzw. der Betreibertochter PreussenElektra steht keine Entschädigung zu, da Reststrommengen bis zum endgültigen Ausstieg noch auf andere Anlagen verteilt werden können. Die EnBW hatte nicht geklagt.

Die E.On trifft es am härtesten

Aktuell ist die E.On, bzw. ihre Tochterfirma PreussenElektra, am stärksten betroffen, denn sie betreibt drei Reaktoren und wenn ihre Produktionsquote nicht ausreicht, so könnte dies Schliessungen vor 2021/22 beschleunigen. Die RWE hingegen hat einen Überschuss aus der Stilllegung des KKW Mühlheim-Kärlich sowie der geplanten Übertragung von Quoten aus der Innogy-Transaktion mit E.On; diese wird der Konzern nicht vollständig brauchen können. Laut Presse ist die RWE bereit, die Mengen an andere Betreiber zu verkaufen und oder von der Regierung entschädigt zu werden.

Es geht vor allem um die Übertragung von Rechten an das E.On-KKW Isar-2 in Bayern. Laut Berechnungen von BKW Handel Analyse kann Isar-2 bis Herbst 2020 bei voller Leistung produzieren, allerdings darf die Anlage unter dem Atomgesetz bis Ende 2022 laufen. Wenn Isar-2 keine Kontingente von der RWE bekommt, wird der Reaktor wohl früher vom Netz genommen werden müssen.

Hier geht es aber um Hard Cash. Denn derzeit ist es so, dass die Entschädigung von der Regierung der RWE mehr Geld einbringt als die E.On wohl bereit wäre unter aktuellen Marktkonditionen zu zahlen. Dies rührt daher, dass die Entschädigung der Regierung die Strompreise der Jahre 2011-2013 beinhaltet. Day-Ahead-Preise in jenen Jahren lagen bei rund 44€/MWh, wohingegen die Kontrakte Cal19-Cal22 in Deutschland bis vor kurzem noch deutlich darunter bewertet wurden. Derzeit befindet sich das Cal19 über 45€/MWh, aber dennoch gilt, dass die E.On wohl nicht diesen Preis zahlen würde, da der Betrieb eines Kernkraftwerks ja auch Kosten verursachen.

Sollte die E.On den bayerischen Reaktor also verfrüht vom Netz nehmen müssen, würden 1.4GW Leistung vom Netz gehen und der Strompreis in Deutschland steigen. Laut dem Strompreismodell aus Handel Analyse würde ein verfrühtes Abschalten von Isar-2 Mitte 2020 dazu führen, dass der Strompreis für das deutsche Cal21 Base um 0.5€/MWh und für das Cal22 Base um 0.8€/MWh steigen würde.

Netzengpässe und Versorgungssicherheit

Hier kommt aber noch der Faktor Versorgungssicherheit ins Spiel, denn Isar-2 steht in Süddeutschland (siehe Karte oben), wo der Stromverbrauch hoch ist und die Leistung aus Erneuerbaren gering. Wegen Sorgen, dass eine frühzeitige Schliessung von Isar-2 die Netzstabilität und Versorgungssicherheit der Region gefährden würde, befindet sich das Bundesland Bayern in „ständigem Dialog“ mit E.On und RWE. Die Konzerne ihrerseits bestätigten die Gespräche und ihre Hoffnung, dass sie zu einem „vernünftigen Ergebnis“ kommen werden.

Unterdessen warnt der Branchenverband BDEW, dass die deutsche Energiewirtschaft ihren Risikopuffer verliert. Deutschland laufe auch ohne vorgezogene KKW-Stilllegung bereits „spätestens 2023 in eine Unterdeckung bei der gesicherten Leistung“.

Nicht nur die Konzerne, sondern auch die Regierung mischen in der Frage rund um die Kernkraftwerke mit. Es ist noch nicht aller Tage Abend…

Quellen: spiegel.de; energate.de; welt.de; heise.de
Bildquellen: ausgestrahlt.de