Artikel teilen auf

Im Gebiet des Grimselpasses gibt es acht Stauseen und zehn Wasser­kraftwerke. Die Region ist aber auch ein Paradies für Wanderer.

Wenn Daniel Fischlin auszieht, um seine Anlagen zu begutachten, hat er das Pri­vileg, sich in einer der eindrücklichsten Bergwelten der Schweiz zu befinden. Die Felsen mit ihren zerfurchten Steilwänden halten die Landschaft zusammen, bilden Kessel und öffnen schmale Wege in wilde Seitentäler, die sich in Abertausenden von Jahren gebildet haben. Im Sommer spries­sen Blumen und Kräuter im Übermass, im Winter liegt der Schnee meterhoch und ver­schluckt jedes zivilisatorische Geräusch.

Die Bäche vom Grimselpass führen Wasser in den Grimselsee. (©David Birri)

Die Grimselwelt, am Pass zwischen dem Berner Oberland und dem Wallis gelegen, ist eine Welt für sich. Eine grosszügige Welt: Sie liefert das Wasser, aus dem die Kraftwerke Oberhasli (KWO) Tag für Tag rund sieben Prozent des Schweizer Stroms erzeugen und damit rund eine Million Men­schen mit Energie versorgen. «Mit sauberer Energie», betont Fischlin, CEO der Kraftwerke Oberhasli. «Die Schweiz ist das Wasserschloss Europas, 60 Prozent unseres Stroms werden mit Wasserkraft produziert. Damit sind wir seit je eines der Länder mit dem grössten Anteil an erneuerbaren Ener­gien.» Die KWO liefern die Hälfte ihres Stroms an die BKW, den Rest zu gleichen Teilen an die Industriellen Werke Basel, Energie Wasser Bern und das Elektrizitäts­werk der Stadt Zürich (EWZ), die mit die­sen Anteilen auch Aktionäre sind.

Die Stauseen sind die umweltfreundlichsten «Batterien» Europas

Doch die Wasserkraft hat zurzeit einen schweren Stand: Vor allem ausländische Kohlekraftwerke machen ihr das Leben schwer, weil sie zu sehr tiefen Preisen pro­duzieren. Das hat zur Folge, dass der Preis, der europaweit an der Strombörse gehan­delt wird, sinkt. So tief, dass die Wasser­kraft ihre Energie teilweise unter den Ge­stehungskosten verkaufen muss. Zudem: «Durch die Stromproduktion mit Sonne und Wind wird der bereits bestehende Effekt verstärkt, sodass wir im Sommer ein Übermass, im Winter hingegen zu wenig Strom haben», erklärt Fischlin. Diesen Januar und Februar beispielsweise haben die KWO fast die ganzen acht Speicher­seen entleert, damit die zehn Kraftwerke im Gebiet das schweizerische und das europäische Stromnetz weiter und regel­mässig mit Energie beliefern konnten. Vereinfacht gesagt: Stauseen sind die umwelt­freundlichsten «Batterien» Europas. Der Schweizer Netzbetreiber Swissgrid regelt mit den europäischen Partnern, dass gleichmässig und gleichförmig genügend Strom durch die Netze fliesst. Und fordert die witterungsunabhängigen Produzenten wie die von Wasserkraft auf, wenn nötig Strom ins Netz zu speisen. «Wasserkraft ist nicht nur erneuerbar, sondern eben auch planbar», so Fischlin. So wird von den KWO neben einer bestimmten Menge Bandenergie nur dann zusätzlich produziert, wenn es die Aktionäre als Abnehmer wünschen oder eben wenn Swissgrid das Netz stabilisieren muss.

KWO Wärter Adrian Zurbuchen vor der Spitallamm Staumauer beim Grimselsee. (©David Birri)

Laut einer Untersuchung des Bundesamtes für Energie sind die Erlöse aus der Wasser­kraft aus Speicherseen seit 2011 von rund sieben Rappen auf unter fünf Rappen ge­sunken. Für Fischlin ist klar: «Wasserkraft ist die einzige saubere und erneuerbare Energie, die immer dann da ist, wenn man sie braucht. Sie ist die eigentliche Versi­cherung – wir sollten sie auch als das an­schauen und bereit sein, eine Prämie dafür zu bezahlen.»

Insgesamt sieben Kraftwerke sind im Berg verborgen. (©David Birri)

Die KWO glauben jedenfalls an die Zu­kunft: Der Damm des grössten Sees, des Grimselsees, wird in den nächsten Jahren aus Altersgründen erneuert. «Die neue Mauer kommt vor die alte zu stehen. Das wird eine der spektakulärsten Baustellen der Schweiz», sagt Fischlin. Im Grimsel­gebiet gibt es noch viel Ausbaupotenzial, um mehr Wasser zu speichern, damit es im Winter verfügbar wäre. Denn: Das Ungleichgewicht zwischen Sommer und Winter wird auch in Zukunft eine Herausforderung bleiben.

KWO CEO Daniel Fischlin in der Schaltzentrale der Kraftwerke Oberhasli AG in Innertkirchen. (©David Birri)

«Wasserkraft ist immer dann da, wenn man sie braucht. Sie ist wie eine Versicherung.» Daniel Fischlin, CEO KWO

Die KWO sind mit 290 Vollzeitstellen und 23 Lehrstellen ein wichtiger Arbeit­geber im Haslital. Und sie bilden für den Tourismus einen wichtigen Trumpf: Die Grimselregion ist ein Paradies für Wan­derer. Spektakulär sind auch die fünf ehe­maligen Werksbahnen, die heute Gästen offenstehen, sowie die Führungen zu den Kraftwerken und in die 160 Kilometer lan­ gen Stollen. Auch Daniel Fischlin ist gern in «seiner» Grimselwelt unterwegs. «Familien empfehle ich die Fahrt auf der Gelmer­bahn, der steilsten offenen Standseilbahn Europas, hinauf zum türkisblauen Gelmer­see.» Fitten Berggängern rät er, mit der Sidelhornbahn (auch einst eine Werkbahn) über den Grimselsee zu schweben und auf den Gipfel des Sidelhorns zu wandern.

Das Hotel Grimselhospiz bei Sonnenuntergang in Richtung Oberaar.

Auf der Panoramastrasse Richtung Oberaar. Im Hintergrund das Lauteraarhorn. (©David Birri)