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Die Gelmerbahn – sie gilt als steilste offene Standseilbahn Europas – erlangte vor einem Jahr weltweite Berühmtheit. Nun muss die Brücke, die sich auf halber Strecke befindet, saniert werden. Deshalb demontierten Netzelektriker Ende August einen Teil der 16-Kilovolt-Freileitung, welche parallel zu den Schienen verläuft.

Dichter Nebel umhüllt die Gleise und Masten entlang der Gelmerbahn. Die Szenerie hat etwas bedrohliches und mystisches. Für Leute, die nicht schwindelfrei sind, bringt der Nebel einen Vorteil. «So sehen wir nicht, wie hoch oben wir uns bewegen und wie steil das Gelände ist», sagt ein BKW Netzelektriker. Seine Kameraden lachen. Die Aussage ist ein Scherz. Denn schwindelfrei sind alle vier Mitarbeitenden der BKW und der KWO, die sich an diesem Augustvormittag mit der Bahn hinauf zum Viadukt begeben. Viel Material haben sie bereits zwei Tage zuvor mit der Bahn zur Baustelle transportiert.

Brücke wird saniert

«Weil die Brücke saniert werden soll, müssen wir einen Teil der 16-Kilovolt-Freileitung, welche parallel zu den Schienen verläuft, demontieren», erklärt Arnold Kehrli (48), Technischer Sachbearbeiter Elektrotechnik bei der Kraftwerke Oberhasli AG (KWO). Die Helikopter, welche Teile der Brücke an- und abtransportieren, verursachen Rotationen. «Wir müssen deshalb die Kupferdrähte aus Sicherheitsgründen entfernen», sagt Kehrli. Wenn die Bauarbeiten abgeschlossen sind, werden die Drähte wieder montiert.

«Die Arbeit in der Höhe und am Seil ist herausfordernd», sagt Netzelektriker Peter Flühmann (25). Ein gesunder Respekt sei gut, Angst sollte man aber nicht haben. «Wichtig ist vor allem die Konzentration.» Das bestätigt sein Kollege Michael Röthlin (26). «Man muss den ‹Grind› bei der Sache haben», sagt er. Schwindelerregende Orte bereiten ihm keine Sorgen, auch privat geht er gerne auf den Klettersteig. An seiner Arbeit schätzt Röthlin, dass kein Tag wie jeder andere ist. «Heute stehe ich in den Bergen und morgen bei einer Trafoanlage im Tal im Einsatz. Da wird es einem nie langweilig.»

106 Prozent Steigung

Es ist 8.19 Uhr. Per Funk kommt die Meldung, wonach die Leitung ausgeschaltet, also geerdet ist. Jetzt können die Profis ihre Arbeit aufnehmen. Sie setzen einen sogenannten Ankerpunkt, um den Strommast zu sichern. «Auch die Isolatoren dürfen keinesfalls abbrechen», sagt Gruppenchef Simon Bisang (34) von der BKW in Meiringen. Die verwendeten Geräte haben klingende Namen wie Grigg (Kettenpuller), Frosch (Seilklemme), Ankerseil, Presshülse oder Spannschloss.

Neben der Baustelle fährt die Gelmerbahn rauf und runter. Bis zu 106 Prozent Steigung absolviert sie. Aus diesem Grund ging die Bahn im Sommer 2018 viral. Mehrere Millionen Leute haben sich auf Youtube und in den Sozialen Medien das Video des britischen Unterhaltungsmediums «Lad Bible» angeschaut. Darin zu sehen ist eine rasante Fahrt mit der Bahn ins Tal. Was viele damals nicht wissen: Das Video ist im Zeitraffer-Modus aufgenommen worden. In Tat und Wahrheit dauert eine Fahrt nicht wenige Sekunden, sondern fast 10 Minuten. Das tut der plötzlichen Popularität der Gelmerbahn aber keinen Abbruch.

«Aah, ooh, uhh»

24 Personen können pro Fahrt zum Gelmersee rauffahren. Oder wieder zurück ins Tal zur spektakulären Hängebrücke. Die Passagiere staunen nicht nur über die Bahn, sondern auch über die Arbeiter hoch oben auf dem Strommast. «Das alpine Gelände ist eine spezielle Herausforderung», sagt Simon Bisang. «Entsprechend müssen wir uns immer mit Seilen sichern. Ausserdem ist man der mehr Witterung ausgesetzt, das alles ist für die Monteure zusätzlich erschwerend.»

Es ist 9.38 Uhr. Nach einer kurzen Pause wechselt die Gruppe etwa 50 Meter nach unten, wo sie bei einem weiteren Strommast die Leitung entfernt. Neben Schwindelfreiheit und Konzentration betont Simon Bisang noch einen weiteren Punkt, der für die Arbeit wichtig ist: «Das Team sollte gut eingespielt sein. Man muss sich kennen und einander vertrauen können.» Und wieder fährt die Gelmerbahn an der Baustelle vorbei. «Aah, ooh, uhh», hört man die Leute rufen. Oder: «Jetzt wirds richtig steil.» Touristen aus Deutschland, Italien, Frankreich, Spanien, Holland, aber auch aus Indien, Japan, China oder aus dem arabischen Raum sind – trotz Nebel und nicht sichtbarem Alpenpanorama – aus dem Häuschen.

Warn-Boje auf dem Strommast

Es ist 11.33 Uhr. Die Arbeiten sind abgeschlossen. Jedenfalls fast. Nach dem Mittagessen direkt unter der Brücke der Gelmerbahn müssen die Kletterprofis einen weiteren Strommast erklimmen. Zuoberst installieren sie eine grosse, rote Boje. Diese ist natürlich nicht für Boote gedacht, sondern als Warnung für Flugzeuge und Helikopter. Auch diesen Auftrag erfüllen die BKW Experten im Nu. Und so gehts schliesslich am Nachmittag mit der Internet-Hit-Bahn wieder talwärts – inklusive vielem Material und um eine Erfahrung reicher im alpinen Gelände.

Gelmerbahn

Die Gelmerbahn ist eine Standseilbahn in der Gemeinde Guttannen im Berner Haslital. Sie führt vom Handegg (1400 m ü. M.) hinauf zum Gelmersee (1850 m ü. M.), einem Stausee der Kraftwerke Oberhasli (KWO). Die Bahn hat eine maximale Steigung von 106 Prozent. Öffentliche Fahrten finden von Juni bis Oktober statt. Laut Wikipedia wurde die Werkbahn für den Bau der Gelmerstaumauer und der Wasserzuleitung zum Kraftwerk Handeck errichtet. Sie nahm 1926 ihren Betrieb auf. Im Jahr 2001 musste sie total erneuert werden und die KWO entschlossen sich, die Gelmerbahn zusätzlich für den öffentlichen Betrieb auszurüsten. Anfänglich durften pro Fahrt nur acht Personen befördert werden, weil die Bahn nur eine kantonale Betriebsbewilligung hatte. Wegen des grossen Andrangs entschied man sich dazu, eine eidgenössische Konzession zu beantragen. Seit 2004 kann – nach kleineren technischen Anpassungen – die volle Kapazität genutzt werden. 24 abenteuerlustige Menschen können heute pro Fahrt transportiert werden.

Tickets können online oder im Tourist Center Grimseltor in Innertkirchen und bei der Talstation der Gelmerbahn gekauft werden. Diese sind pro Reiseweg für jenen Kalendertag und jene Tageszeit gültig, welche zum Zeitpunkt des Kaufes festgelegt wurden.

Markus Ehinger

Markus Ehinger

Senior Editor