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Während der Schnee in Lagen unter 1500 Metern längst Erinnerung ist, verharrt derzeit noch eine gewaltige Schneedecke an den Berghängen. Und man muss kein Wetterspezialist sein, um zu wissen, dass dieser Schnee in einigen Wochen in Bewegung geraten und die Stauseen füllen wird. Wie Kraftwerkbetreiber und der BKW Stromhandel mit dieser Herausforderung umgehen.

Derzeit liegen in den Bergen überdurchschnittliche Schneemengen – und die Schneeschmelze wird heftiger ausfallen als sonst. Einige Stauseen können das Schneewasser problemlos fassen, andere werden bis zu fünf Mal neu gefüllt. Eine Fehlplanung würde mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Überläufen führen und das Wasser so ungenutzt verloren gehen.

Damit dies nicht passiert, helfen viele verschiedene Modelle, den Beginn und das Ausmass der Schneeschmelze zu bestimmen. Spezielle Software-Systeme kennen die Bodenbeschaffenheit und die Grösse der Schneedecke der relevanten Einzugsgebiete, da sie laufend mit den aktuellsten Wetterprognosen gefüttert werden. Die Summe an Schneefall wird im System gespeichert und plausibilisiert, so dass man eine immer detaillierte Prognose der Zuflüsse erhält, insbesondere auch während der Schneeschmelze.

Aber auch das beste Computermodell muss plausibilisiert werden. Prognosen sind daher nur eines von mehreren Hilfsmitteln. Die aufmerksame Beobachtung der realen Zuflussentwicklung ist trotz High-End-Modellen unerlässlich. Sehr wichtig ist dabei der intensive Kontakt mit den Menschen vor Ort, die mit ihrer Sicht und Erfahrung oft ein genaueres Bild vermitteln können.

Der Zyklus der Speicherkraftwerke

Als Betreiber von Speicherkraftwerken ist man bestrebt, den Wasserspeicher über den Sommer zu füllen, damit das Wasser im Winter gewinnbringend in Strom umgewandelt und vermarktet werden kann. Hierbei unterscheiden sich die Stauseen: Während einige vorwiegend mit Schneewasser gefüllt werden, beziehen andere ausschliesslich Gletscherwasser oder werden mit gepumptem Wasser aus tieferen Regionen gefüllt. Die Schneeschmelze ist in den meisten Fällen ein willkommenes Geschenk der Natur: sie füllt den See, ohne dass teuer gepumpt werden muss.

Im Chart finden sich die aktuellen Prognosen des verwertbaren Anteils des Wassers in Prozent des langjährigen Mittels: während Kraftwerke mit geringem Schneeanteil (zum Beispiel Grande Dixence) kaum über dem Mittelwert liegen, zeigen andere Kraftwerke, wie beispielsweise die KW Oberhasli, deutlich erhöhte Prognosen. So verschieden wie die Schneeschmelze ausfallen kann, so unterschiedlich sind die Eigenheiten der einzelnen Kraftwerke, wenn es darum geht, das Wasser aufzufangen. Während Seen wie zum Beispiel die Grande Dixence das Wasser problemlos fassen können und zusätzlich auf Gletscherwasser angewiesen sind, wird ein See wie zum Beispiel Sanetsch rein durch Schneewasser bis zu fünf Mal gefüllt!

Die Herausforderung der Planung

Die Herausforderung hier lautet Planung. Im Fall Sanetsch muss der See vor dem Beginn der Schneeschmelze genau geleert, die Produktion sofort gestartet und dem laufenden Zufluss angepasst werden. Während des Schmelz-Peaks fliesst wesentlich mehr Wasser in den See als in der Turbine verarbeitet werden kann. Eine Fehlplanung würde diesen Frühling mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Überläufen führen und das Wasser so ungenutzt verloren gehen. Wichtig wird diesen Frühling also sein, den See vor dem grossen Schwall – voraussichtlich im Mai – kontrolliert tief zu halten.

Der Chart veranschaulicht die Seestände per 3. April 2018 in Prozent des Gesamtinhalts und als Delta zum langjährigen Mittel. Die tiefen Seestände spiegeln die hohen Preise im Winter und die Vorbereitung auf die Zuflüsse wieder.

Optimierungsmodelle der BKW

Der Einfluss der Schneeschmelze lässt sich schon heute aus den Optimierungsmodellen der BKW ablesen. Der Grenzpreis, das heisst, der Wert des Wassers am Markt, sinkt dieses Jahr beispielsweise für das Kraftwerk Sanetsch um etwa 9€/MWh verglichen mit der derzeitigen Prognose für den Wasserwert im Jahr 2019. Der Strom aus Sanetsch wird dieses Jahr günstiger, da die Notwendigkeit steigt, ihn sicher und zum richtigen Zeitpunkt an den Markt zu bringen. Zwar wird Sanetsch alleine den Marktpreis nicht beeinflussen können, aber die Summe ähnlicher Kraftwerke haben genügend Marktvolumen, um den Preis schweizweit zu senken.

Ökonomie

Meist werden die Seen schon früher im Jahr geleert – und das hat weniger mit der Schneeschmelze zu tun, als mit dem monetären Mehrwert. Niemand will teures Wasser im Winter vorenthalten, um es im Frühling oder Sommer zu „verschenken“. Die teuren Monate sind normalerweise Januar und Februar. Deshalb sind die Speicherseen in der Regel Mitte März mehr oder weniger leer. Eine Restmenge steht für allfällige Preisspitzen noch zur Verfügung – das Eis ist aber dünn und das Wasser knapp. Mitte März bis Mitte Mai ist deshalb eine kritische Phase. Allfällige Stromengpässe müssen teuer importiert werden, wenn das Speicherwasser fehlt. Aber zu viel Speicherwasser sollte auch vermieden werden. Es muss vor der Schneeschmelze verkauft werden, auch wenn der Preis tief ist. So versucht jeder die perfekte ökonomische Balance zu finden.

Die Auswirkung auf den Preis

Die Strompreismodelle von Analyse Handel haben den Effekt des aktuellen Schneereservoirs gegenüber einem Normjahr auf die Marktpreise abgeschätzt. Der Preiseffekt ist im Peak am stärksten. Bemerkenswert ist auch, dass sich ein Preiseffekt bis in den nächsten Herbst zeigen sollte (siehe Tabelle).

Zukunft

Der Betrieb von Speicherseen ist und bleibt anspruchsvoll. Neben extremen Wettersituationen wird auch der politische Einfluss auf den Strompreis kaum abnehmen. Die CO2-intensive Stromproduktion dürfte unter Druck kommen. Die Zukunft der Kernkraft ist ungewiss, neue Projekte gibt es wenige, dafür aber viele Kandidaten die altershalber in Rente gehen sollten. Die flexible Stromproduktion und die Wasserspeicher werden an Bedeutung gewinnen. Aufmerksamkeit und gute Prognosen werden also in Zukunft noch entscheidender sein, um Frau Holles Nachlass ökonomisch und ökologisch sinnvoll zu nutzen.

Alexandra Berchtold

Alexandra Berchtold

Die Analystin Handel ist verantwortlich für die qualitative Analyse der wichtigsten Strom- und Brennstoffmärkte, die Berichte und den Fluss der Nachrichten in die relevanten Kanäle innerhalb der BKW.

Bruno Jordi

Bruno Jordi

Der Kraftwerkseinsatzmanager ist verantwortlich für den Einsatz der flexiblen Kraftwerke. Er sichert deren Position langfristig ab und stellt die Leistung gewinnbringend an den Markt. Dabei ist er stets in engem Kontakt mit den Menschen vor Ort.