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Wie jedes Jahr fanden auch diesen September die Europäischen Tage des Denkmals statt. Zu diesem Anlass wurden am 9. und 10. September in der ganzen Schweiz Führungen und Veranstaltungen angeboten, um der Öffentlichkeit den Reichtum unserer Kulturgüter näher zu bringen. Das diesjährige Motto lautete «Macht und Pracht» und beleuchtete vor allem Bauten, von denen ein besonderer Einfluss ausging. Auch das Hauptgebäude der BKW war Teil der Führungsreihe. Denn der Blickpunkt am Viktoriaplatz ist nicht nur ein Wahrzeichen für die 124-jährige Erfolgsgeschichte der BKW, sondern auch ein städtebaulich wichtiger Knotenpunkt und ein architekturhistorisches Denkmal.

Das Verwaltungsgebäude der BKW liegt am Viktoriaplatz und bildet als Abschluss der städtebaulichen Achse zwischen Kornhausplatz und Viktoriaplatz einen markanten Akzent im Stadtbild Berns. Das Gebäude wurde von 1915 bis 1916 von den Architekten Walter Bösiger und Max Zeerleder gebaut. Doch seine Geschichte beginnt bereits rund zwanzig Jahre früher mit dem Bau der Kornhausbrücke 1895. Denn in Zusammenhang mit dem Brückenbau war schon früh ein monumentaler Bau als Blickpunkt angedacht. Als dann 1913 die Stadt Bern den Bauplatz schliesslich an die Bernischen Kraftwerke, der damalige Name der BKW, verkaufte, wurde dieser Plan in die Tat umgesetzt.

Der Berner Barock – eine lokale Interpretation des Historismus

Das Hauptgebäude der BKW wirkt sehr repräsentativ und erinnert an barocke Schlossarchitektur. Das weit ausladende Walmdach kommt aber eher an ländlichen Bauten im Kanton Bern vor. Diese widersprüchlichen Vorbilder kann man mit der damaligen Architekturdiskussion erklären. Denn stilgeschichtlich lässt sich das Verwaltungsgebäude am Viktoriaplatz in eine Zeit einordnen, in der in Europa der Jugendstil schon wieder am Verschwinden war und man sich die Frage nach einem Stil der Zeit stellte. Die damalige Architektur war vom Historismus geprägt. Nachdem 1902 das Bundeshaus im Neurenaissance-Stil und 1903 das Stadttheater in Neubarock nach französischem Vorbild geschaffen wurden, suchte man aber mehr und mehr nach einer stärker regional verwurzelten Architektursprache.

So entstand in Bern der Berner Barock, ein Neubarock, der sich besonders die Berner Altstadtbauten zum Vorbild nahm. Die Altstadt von Bern folgt zwar dem mittelalterlichen Grundriss, der Hauptanteil der Gebäude entstand jedoch im Barock. Damals wurden bestehende Häuser umgebaut, erhöht und mit prächtigen Fassaden versehen. Gleichzeitig schuf man grosszügige städtebauliche Achsen, Plätze und Anlagen. Das Verwaltungsgebäude der BKW folgt mit seiner Formensprache klar dem Trend des Neubarocks. Neubarocke Elemente am Gebäude, die sich auch an vielerlei Altstadtbauten finden, sind insbesondere die Pilastergliederung über zwei Geschosse, die Fassadenreliefs, die auf die Funktion des Gebäudes verweisen und das bekrönende Uhrtürmchen auf dem Dach.

Wer genau hinschaut, entdeckt vielsagende Symbole

Die elf Reliefs zwischen den kolossalen Pilastern wurden vom Berner Bildhauer Karl Hänny geschaffen. Sie behandeln das Thema des Wassers und der Wassernutzung. Sie zeigen mythologische Wasserwesen wie den Meeresgott Poseidon mit dem Dreizack rechts aussen. In der Mitte befindet sich sein Sohn Triton, ebenfalls ein Meeresgott. Links aussen wird Poseidons Gemahlin Amphitrite dargestellt. Sie gilt als Herrscherin der Meere. Auch Wassertiere wie Fisch, Krebs, Skorpion und Frosch schmücken die Fassade des Verwaltungsgebäudes. Die Turbinen neben den Fischen stehen selbsterklärend für die Nutzung der Wasserkraft. Der Phönix und der Feuersalamander bedeuten Licht und Feuer. Setzt man diese Symbole nun in einen gemeinsamen Zusammenhang, ergibt sich die Bedeutung, dass Wasser in Licht und Feuer verwandelt wird. Also nichts anderes als die Geschichte der Elektrizitätsgewinnung.

Die elf Reliefs entlang der Hauptfassade des BKW Hauptgebäudes symbolisieren die Elektrizitätsgewinnung.

Macht und Pracht im Innern

Innen hat sich das Hauptgebäude der BKW nach einem umfangreichen Umbau 1960 sehr verändert. Damals kam ein moderner Neubau hinzu aber auch das Treppenhaus im Hauptgebäude wurde renoviert. Nur die prächtige Kassettendecke und die Wandgliederung in Sandstein erinnern an den repräsentativ ausgestalteten Empfangsraum von früher. Der Verwaltungsratssaal im 1. Stock hingegen besteht noch immer stark in seiner ursprünglichen Form. Der Saal ist noch heute das Herz des Gebäudes, wo über die Zukunft des Unternehmens diskutiert und wichtige Entscheidungen getroffen werden. So überrascht es nicht, dass die Architekten auch hier einige vielsagende Symbole einfliessen liessen. Die beiden Reliefbänder neben der Tür zeigen Symbole für die Wasserkraft und Elektrizitätsgewinnung in Form von Wassertieren, Turbinen und Wasserrädern. Das Bildthema der Hauptfassade wird hier also fortgeführt. An den doppelten Pilastern des Wandtäfers finden sich aber noch weitere Tierdarstellungen und insbesondere zwei Grotesken, die die Tugenden der Wahrheit und Verschwiegenheit symbolisieren. Diese sollten wohl die Verwaltungsräte stets daran erinnern, ihre Pflicht wahrheitsgetreu und dezent auszuführen.

Der Verwaltungsratssaal der BKW
Das neue Treppenhaus in der Eingangshalle der BKW zeugt von der Veränderung.

Europäische Tage des Denkmals

Die Europäischen Tage des Denkmals sind ein kulturelles Engagement des Europarates und werden von diesem offiziell lanciert. Die Denkmaltage finden in 50 europäischen Ländern statt. Ziel der Europäischen Tage des Denkmals ist es, in der Bevölkerung das Interesse an unseren Kulturgütern und deren Erhaltung zu wecken. Organisiert werden die Besichtigungen an den Denkmaltagen von den Fachstellen für Denkmalpflege und Archäologie sowie weiteren am Kulturerbe interessierten Organisationen und Personen. Die Führungen durch das BKW Verwaltungsgebäude am Viktoriaplatz leitete Hannah Wälti. Sie ist Kunsthistorikerin und hat ihre Masterarbeit über das Hauptgebäude der BKW verfasst. Sie hat uns freundlicherweise alle Informationen für diesen Artikel aus ihrer wissenschaftlichen Arbeit zur Verfügung gestellt.

Ivana Jazo

Ivana Jazo

Redaktorin Digital Communications bei der BKW