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Unter den neuen Umweltauflagen der EU werden Kraftwerke ab 2021 strengere Schadstoffgrenzwerte einhalten müssen. Wir schauen, welche Länder wie betroffen sein könnten und wie sich die neuen Regeln auf die Strompreise auswirken könnten.

Worum geht’s?

Am 31. Juli wurden neue Regeln formell vereinbart, nach welchen Kohle-, Gas- und Ölkraftwerke ab 2021 ihre Schadstoff-Emissionen (Stickstoffoxid, Quecksilber und Russpartikel) reduzieren müssen. Die BREF-Richtlinie wurde im April 2017 von den Mitgliedsstaaten genehmigt, Ende Juli aber erst formell beschlossen. BREF steht für «best available techniques reference document».

Die Richtlinie betrifft rund 2,900 Kraftwerke über 50MW. Laut einer Studie der European Climate Foundation könnten die verursachten Nachrüstungsausgaben, welche sich auf über 15 Milliarden Euro belaufen könnten, dazu führen, dass jenen Kohlekraftwerken, welche die Umwelt am meisten belasten, nichts anderes übrig bleiben wird als zu schliessen.

Der Teufel liegt im Detail

Bei der Interpretation und der Beurteilung der Richtlinie gibt es Spielraum, denn von der EU gibt es keinen festen Grenzwert, sondern es gilt eine Bandbreite von Emissionen. Für Quecksilber muss der Ausstoss zwischen weniger als einem und maximal sieben Mikrogramm je Normkubikmeter Abgas liegen. Hierbei ist zu beachten, dass die neuen Regeln die Regeln, welche ab 2019 schon gelten, lediglich etwas verschärfen: hier gilt schon eine Obergrenze von 10 Mikrogramm. Für Stickoxide (NOx) und Schwefeldioxid (SO2) sind die Grenzwerte im Chart von Bloomberg New Energy Finance dargestellt. Die geforderten Reduktionen liegen für bestehende Anlagen bei 13% in NOx und 10% in SO2 gegenüber derzeitigen Regeln, die ab 2019 greifen. Neben der Schadstoffreduktion durch technisches Nachrüsten kann auch die Laufzeit der Anlagen auf 1,500 Stunden/Jahr reduziert werden.

Wie sieht es denn konkret aus?

Laut dem Institute for Energy Economics and Financial Analysis (IEEFA) könnten ein Drittel aller EU-Kraftwerke entweder von kostenintensiven Nachrüstungen betroffen sein oder aber vom Netz gehen müssen. Die IEEFA hat 108 Kraftwerke identifiziert – zusammen über 187GW thermische Leistung –, welche die teuersten Nachrüstungen tätigen müssten. Unter diesen Kraftwerken sind 35% aller grossen Kohlekraftwerke per Leistung und 18% aller Leistung Europas. Laut der Analyse von IEEFA emittieren diese Kraftwerke derzeit 40% mehr als die Vorgaben unter BREF. Märkte wie Polen sind besonders betroffen, aber auch Versorger wie Enel, EDF, Drax und CEZ sind exponiert.

Die IEEFA fasst die neue Richtlinie wie folgt zusammen: «cough up, wind down or shut down». Also: nachrüsten, Produktionsstunden reduzieren oder bis 2021 vom Netz gehen.

Schliessungen bis 2025

Analysen von Energy Aspects weisen in die gleiche Richtung. So könnte sich die Welle der Schliessungen bis 2025 fortsetzen, denn bis zu jenem Jahr könnten mehr als die Hälfte der grossen Kohlekraftwerke in der EU vom Netz genommen werden müssen. Laut Energy Aspects stehen in Nordwesteuropa 18GW mit «hohem-vom-Netz-Risiko»; 44GW mit Risiko einer «potentiellen Schliessung» stehen in Mittel- und Osteuropa, vor allem in Polen (29GW); Südeuropa kommt auf 17GW, welche gefährdet sind. «Wir schätzen, dass die Braunkohleerzeugung der EU um 121TWh (52%) bis 2025 sinken könnte verglichen mit 2016», so Energy Aspects. Die Anwendung der gleichen Logik auf Steinkohleanlagen führt zu einer Stromerzeugung, die bis 2025 um rund 177TWh verglichen mit 2016 abfällt. Insgesamt eine 47%ige Reduktion der Kohleerzeugung oder 300TWh/Jahr.

Dies könnte sich auch auf den EUA-Preis in der vierten Phase auswirken, denn wenn weniger CO2 ausgestossen wird, werden auch die Zertifikatspreise fallen: laut dem Think Tank von angenommenen 33€/EUA in 2021-2020 auf 22€/EUA. Ausserdem könnte Europa zusätzliche Importe von ungefähr 60 Milliarden Kubikmeter Gas benötigen, wenn gasgefeuerte Anlagen alle 300TWh/Jahr anderer Erzeugung ersetzen sollten. Allerdings sei ein Minimum von 40 Milliarden Kubikmeter an zusätzlichem Gasbedarf wahrscheinlicher, weil die Erneuerbaren in die Bresche springen würden und einen Teil des fossilen Ausfalls wettmachen würden, so Energy Aspects.

Was bedeutet BREF für die Strompreise?

Logischerweise steigen die Strompreise, wenn weniger Leistung am Netz ist. Ein Strompreismodell von Analyse Handel schätzt den Effekt auf die Strompreise, wenn Kohlekraftwerke in Deutschland vom Netz genommen werden, wie im rechten Chart dargestellt. So sollte das Cal20 in Deutschland um rund 8% steigen, wenn 10% der Kohleleistung vom Netz genommen werden und um knapp 15% wenn 20% weniger Kohlekraftwerke Strom produzieren. An dieser Stelle ist wichtig zu erwähnen, dass BREF Braun- und Steinkohlekraftwerke in gleichem Ausmass betreffen wird, denn die Richtlinie zielt auf schmutzige Kraftwerke per se und die Auswirkung ist damit vor allem abhängig vom technischen Standard der einzelnen Kraftwerke und weniger von der eingesetzten Kohlesorte.

Die strikteren Umweltrichtlinien könnten die Strompreise unterstützen.

Alexandra Berchtold

Alexandra Berchtold

Die Analystin Handel ist verantwortlich für die qualitative Analyse der wichtigsten Strom- und Brennstoffmärkte, die Berichte und den Fluss der Nachrichten in die relevanten Kanäle innerhalb der BKW.