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Hellblau ist die Farbe der Demontage. Kein Wunder, ist es beruflich Alexandra Reiches Lieblingsfarbe.

Endlich das Geplante in Tat umsetzen: Alexandra Reiche freut sich darauf, mit den Demontagearbeiten im Kernkraftwerk Mühleberg zu beginnen. Denn am liebsten sitzt die Ingenieurin nicht am Schreibtisch, sondern ist vor Ort in der Anlage. Dort werden sie und ihre Kollegen ab 2020 regelmässig im Einsatz stehen.

«Willkommen im Dschungel», sagt Alexandra Reiche und spielt auf die vielen Pflanzen rund um ihren Arbeitsplatz an. Ganz hinten in einem Grossraumbüro sitzt sie, mit herrlichem Blick auf die Aare. Auch wenn sie über Mittag gerne mit den Kollegen dem Fluss entlang spaziert: Zeit, um einfach aus dem Fenster zu schauen, hat sie keine. Zusammen mit ihrem Team ist sie zuständig für die Demontage und die Zerlegungsarbeiten im Kernkraftwerk Mühleberg (KKM). Derzeit sind sie mit der Planung beschäftigt. Ab nächstem Jahr ist das Tagesgeschäft in der Anlage. Dort werden sie die Komponenten des KKM Schritt für Schritt zerlegen.

Es wird bunt

Zentral ist die Abstimmung der Abteilung Rückbau mit den anderen Fachbereichen, beispielsweise mit der Ausserbetriebnahme. Die ausser Betrieb genommenen Komponenten und Systeme werden von der Abteilung Rückbau übernommen. Da wird es – wortwörtlich – bunt. Denn Anlageteile, die ausser Betrieb genommen sind, werden dereinst magenta gekennzeichnet. Erst wenn sie auch hellblau markiert sind, dürfen sie demontiert werden. Die einfache Massnahme dient der Sicherheit: Sie garantiert, dass nur diejenigen Komponenten demontiert werden, die auch dafür bereit sind. Und sie ist auf den ersten Blick verständlich. Das ist wichtig. Denn hat der Rückbau erst einmal begonnen, werden jeden Tag viele Leute in der Anlage sein.

Schon heute gibt es in Alexandra Reiches Arbeitsalltag viele Schnittstellen zu weiteren Fachbereichen. Sie ist im ständigen Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen aus der Planung, der Materialbehandlung, der Logistik ebenso wie mit dem Strahlenschutz, dem Arbeits- und Gesundheitsschutz und der Entsorgung. «Das macht meine Arbeit sehr abwechslungsreich, kein Tag ist wie der andere», sagt Alexandra Reiche.

«Kein Tag ist wie der andere.»

Ein Platz im Grünen: Alexandra Reiches heutiger Arbeitsplatz im KKM.

Wissen, das kein Papier ersetzen kann

War Alexandra Reiches Team anfangs noch klein, führt sie jetzt zehn Personen. Alle haben schon früher im KKM gearbeitet und bringen viel Erfahrung mit – und Wissen, das kein Papier ersetzen kann. Es sind Leute unterschiedlichen Alters. Sie kennen die Anlage bestens und haben in verschiedenen Bereichen gearbeitet: vom mechanischen Unterhalt über die Maschinentechnik bis zur Schicht. Ein guter Mix. Dass Alexandra Reiche dabei die einzige Frau ist, stört sie nicht: «Ich habe zwei grosse Brüder, das hilft.»

Bis Ende 2019 stehen für Alexandra Reiche und ihr Team Planungsarbeiten im Vordergrund. Ab 2020 geht es dann an die Umsetzung.

Aufgewachsen ist Alexandra Reiche in der Lausitz. Wie in der damaligen DDR üblich, verbrachte sie ab der siebten Klasse alle zwei Wochen im Schulfach «Produktive Arbeit» einen Tag in der Industrie. «Industrie» bedeutete bei ihr, diesen Tag im Kohletagebau aktiv mitzuarbeiten. Nach der Wende hatte sie die Möglichkeit, das Abitur zu machen. Danach studierte sie Verfahrenstechnik und Umweltingenieurwesen, zuerst an der Bauhochschule in Cottbus, später in Baden-Württemberg. Über ihre Diplomarbeit bei der ABB Turbosystems kam sie in die Schweiz und zog nach Abschluss des Studiums dorthin. Sie arbeitete als Inbetriebnahme-Ingenieurin für Gasturbinen bei der Alstom in Baden. Dabei zog es sie auch in die weite Welt hinaus: Unter anderem nahm sie in Brasilien und Mexiko Gaskombi-Kraftwerke in Betrieb.

Im KKM fühlt sich Alexandra Reiche wohl. Über Mittag tankt sie bei einem Spaziergang an der Aare frische Energie.

Endlich wieder vor Ort

«Kraftwerke habe ich im Blut», sagt Alexandra Reiche. Sie haben es ihr angetan. Das gilt auch für das KKM: Hier arbeitete sie schon seit 2013 im Bereich Qualitätssicherung an Ersatz- und Reparaturmassnahmen sowie Nachrüstprojekten mit und fühlte sich dabei stets wohl. Damals wie heute war sie auch gern vor Ort in der Anlage. Sie war mit Leib und Seele dabei. «Das ist mir an die Nieren gegangen», sagt sie – und meint den Stilllegungsentscheid. «Ich wusste aber, dass ich hierhin gehöre», fährt sie fort. Darum zögerte sie nicht, sich für die Stilllegung zu bewerben. Seit April 2018 arbeitet sie nun mit grosser Begeisterung für das Projekt Stilllegung und seit November 2018 führt sie ihr Team als Ressortleiterin Demontage.

«Das ist mir an die Nieren gegangen.»

Nach der langen Planungszeit freut sie sich auf die Umsetzung. Zu sehen, wie sich die Anlage von Tag zu Tag verändert. Dann gilt ein eng getakteter Terminplan. Das ist Alexandra Reiche von den Reparaturmassnahmen und Nachrüstprojekten gewohnt. Manchmal war es ein Wettlauf gegen die Zeit: «Wenn wir am Netz bleiben wollten, mussten wir bis zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt die Forderungen der Behörden erfüllen.» Jetzt ist es der Zeitplan des Projekts Stilllegung, der den Takt vorgibt. Alexandra Reiche kann es kaum erwarten, loszulegen. Denn ab 2020 wird sie wieder mehr in der Anlage arbeiten statt am Schreibtisch. So schön er auch sein mag: Ihren «Dschungel» wird sie dann kaum vermissen.

Mehr Informationen zur Stilllegung des KKM:

www.bkw.ch/stilllegung

Sabrina Schellenberg

Sabrina Schellenberg

Deputy Head of Media & Newsroom bei der BKW