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Walter Steinmann, ehemaliger Direktor des BFE, war am 11. Mai 2017 bei der Brown Bag University der BKW zu Gast und hat sein Werk – die Energiestrategie 2050 – vorgestellt. Wir haben mit ihm zu Mittag gegessen und ihm einige Fragen gestellt.

Kann man Sie, Herr Steinmann, als Architekten der Energiestrategie 2050 bezeichnen?

Architekten sind immer irgendwie Stars, die am liebsten alleine sind. Das bin ich definitiv nicht. Denn hinter einem grossen Projekt steht immer ein Team und in meinem Fall trifft dies besonders zu. Ich war sicher derjenige, der an vorderster Front voran gegangen ist. Aber hinter mir war ein starkes Team von Fachleuten aus dem BFE, das die Energiestrategie 2050 gemeinsam mit mir entwickelt hat.

Als der Bundesrat das erste Massnahmenpaket in den parlamentarischen Prozess eingespiesen hat, hätten Sie gedacht, dass es nun 3 Jahre dauern wird, bis das Volk darüber abstimmen kann?

Wir sind davon ausgegangen, dass es 2 Jahre dauern wird. Am Schluss sind es halt 3 Jahre geworden. Der Prozess hat sich durch die Aufnahme neuer Themen und wegen diversen Anhörungen verzögert. Ein solches Maxipaket gab es zuvor selten.

War die Energiestrategie 2050 das grösste Projekt, welches Sie als Direktor des Bundesamtes für Energie umgesetzt haben?

Es ist definitiv eines der grössten Projekte. Ein anderes Projekt von ähnlichem Ausmass war ganz klar das Stromversorgungsgesetz. Ein Jahr vor der Abstimmung zum Elektrizitätsmarktgesetzt (EMG), welches die Rahmenbedingungen für die Liberalisierung des schweizerischen Strommarktes festlegen sollte, bin ich damals zum BFE gekommen. 2002 wurde das EMG an der Volksabstimmung abgelehnt. Weil der Bedarf nach einem Gesetz aber trotzdem da war, mussten wir einen Neustart machen. Aus diesem zweiten Anlauf entstand das Stromversorgungsgesetz (StromVG), welches eine zweistufige Marktöffnung vorsieht und 2009 in Kraft trat.

Ein weiteres grosses Projekt war die Entsorgung der radioaktiven Abfälle ganz neu aufzugleisen und die Rollen klar zu definieren. Hier mussten wir einerseits entscheiden, was die Betreiber, die Nagra, die Kantone und der Bund machen und andererseits, wie wir mit Einbezug der Betroffenen zu guten Standorten für die Tiefenlagerung der radioaktiven Abfälle kommen.

Im Hinblick auf Ihre Zeit beim BFE, worauf sind Sie besonders stolz?

Da ich von der Wirtschafts- und Innovationsförderung komme, freue ich mich natürlich, dass es uns generell gelungen ist, in der Forschungslandschaft voran zu kommen und Innovationen voranzutreiben. Es gibt heute eine grosse Zahl von Start-ups, die in einem dynamischen Umfeld arbeiten und neue Themen aufnehmen können. Heute haben wir die Chance, das eine oder andere in einem breiten Markt einzuführen.

Was war die grösste Herausforderung für Sie bei der Gestaltung der Energiestrategie 2050?

Eine der grössten Herausforderungen war die taktisch sehr wichtige Entscheidung, ob man die drei Themen «Kernenergieausstieg, CO2-Reduktion und Ausbau erneuerbarer Energien» zusammen lässt oder drei Einzelvorlagen daraus macht. Wir haben uns dazu entschieden, die Themen zusammenzulassen, weil sie im Sinne einer Strategie zusammen angegangen werden müssen. Ob diese Entscheidung richtig war, sehen wir dann am nächsten Sonntag.

Wie sieht ihre Prognose zum Abstimmungsresultat aus? Macht Ihnen der Verlauf des Abstimmungskampfes ein bisschen Sorgen?

Von den Gegnerinnen und Gegnern der Vorlage wird eine sehr emotionale Schiene gefahren. Einerseits wird mit drohender finanzieller Belastung und andererseits mit Versorgungssicherheit argumentiert. Gerade die ältere Generation, die den 2. Weltkrieg erlebt hatte oder gehört hat, wie es damals war, befürchtet, dass wir wieder in solche Zeiten zurückgehen. Doch heute sind wir vernetzt und leben in einer ganz anderen Welt. Wir werden sehen, ob dieser emotionale Abstimmungskampf verfängt und das Resultat tatsächlich knapp ausfallen wird.

Ende September 2016 sind Sie, nach 15 Jahren als Direktor des Bundesamtes für Energie, in den Ruhestand getreten. Wieso haben Sie damit nicht bis nach der Abstimmung im Mai 2017 gewartet?

Dies stand nicht zur Diskussion. Bei privaten Firmen kann man über die Pension hinaus arbeiten, aber bei den Bundesamtsdirektoren wird dies relativ strikt gehandhabt.

….aber wenn die Möglichkeit bestanden hätte, wären Sie geblieben?

An meinem letzten Arbeitstag wurde das Gesetz im Parlament verabschiedet, das war ein schöner Abschluss meiner Karriere. Aber natürlich hätte ich jetzt im Abstimmungskampf gerne das eine oder andere Thema erklärt und wäre den schlimmsten Fake-Argumenten entgegengetreten.

Welchen Tipp würden Sie ihrem Nachfolger Benoît Revaz geben, der nun vor der Aufgabe steht, die zweite Etappe der Energiestrategie 2050 aufzugleisen?

Er braucht meine guten Ratschläge nicht. Er weiss sehr wohl, was er zu tun hat. Ich war immer der Ansicht, dass man nicht hasten soll, wenn man rasch vorwärts kommen will. Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht. Dies bedeutet konkret: sich für kritische Fragen wappnen, gute ökonomische und technische Grundlagen schaffen und mit den wesentlichen Playern in permanentem Dialog sein.

Womit verbringen Sie Ihre Zeit nun, da Sie im Ruhestand sind?

Endlich habe ich Zeit für Fitness, Skifahren, Kochen und Lesen. Daneben habe ich noch einige Mandate: Einerseits bin ich Präsident des internationalen Forums «European Energy Award», ein internationales Qualitätsmanagementsystem und Zertifizierungsverfahren für kommunale Energieeffizienz und Klimaschutz. Andererseits vertrete ich die Schweiz noch bis im September 2017 im Gouverneursrat der Internationalen Atomenergieagentur (IAEA) in Wien. Daneben bin ich bei diversen Start-ups in einer Coaching- und Begleitfunktion, wie zum Beispiel bei enersis suisse AG und bei Designergy SA.

Leben Sie selber energieeffizient?

Ich versuche es, lebe in einem nach Minergiestandard geplanten Haus mit einer PV-Anlage und bin bei der SBB Green Class dabei. Das ist ein Kombiangebot von SBB, BMW, Mobility und PubliBike. Das einjährige Abo umfasst ein 1.-Klass-GA, einen BMW i3, P+RAil-Jahreskarte, ein Mobility-Carsharing-Abo und ein PubliBike-Jahresabo. Dafür muss man jeden Abend mit Hilfe einer App seine Bilanz auswerten. Somit wird das Mobilitätsverhalten analysiert und man kann seine Lehren daraus ziehen, also was braucht man wirklich, was könnte man «sharen» etc.

Und, wie sieht Ihre Bilanz aktuell aus?

Es ist tatsächlich verlockend, wenn man dauernd einen BMW i3 kostenlos zur Verfügung hat. Da braucht es manchmal ein bisschen Überwindung, trotzdem auch für kürzere Strecken den ÖV zu nehmen.

Energiestrategie 2050

Am Sonntag, dem 21. Mai findet die Abstimmung zum ersten Massnahmenpaket der Energiestrategie 2050 statt.

Die BKW unterstützt die Vorlage, denn es ist ein Schritt in Richtung Modernisierung unseres Energiesystems. Das vollständige Positionspapier der BKW finden Sie hier:

Argumentarium_Ja zur ES2050_FINAL

Lea Naon

Lea Naon

Lea Naon ist Community Affairs Managerin bei der BKW.

  • Ivana Jazo