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Während Katar das öffentliche Interesse hierzulande insbesondere durch die Diskussionen rund um die Vergabe der Fussballweltmeisterschaft 2022 geweckt hat, ist das Emirat gleichzeitig der weltweit wichtigste Lieferant von Flüssigerdgas (kurz: LNG für Liquefied Natural Gas). Jedoch stehen mit Australien und den USA zwei weitere Schwergewichte bereit, um die Konkurrenz in diesem Markt anzufachen und dadurch auch den europäischen Gasmarkt grundlegend zu verändern. Wir werfen ein Licht auf die grundlegenden Zusammenhänge und deren Nutzen für die Gaspreisprognose.

Seit einigen Jahren entwickelt sich der globale Gasmarkt zweigeteilt: Während die über Pipelines gehandelten Gasmengen in den letzten fünf Jahren gerade einmal um knapp 5% zulegen konnten, wuchs der globale LNG-Markt im gleichen Zeitraum um fast 40% an. Hierbei profitiert LNG neben der relativ niedrigeren Kapitalintensität insbesondere vom zunehmenden interkontinentalen Gashandel, der sich nicht über Pipelinesysteme abwickeln lässt.

LNG als Bindeglied der globalen Gasmärkte

Der zur Zeit wichtigste Anbieter in diesem Geschäft ist eine Nation mit der Grösse einer europäischen Grossstadt: Bezogen auf die Kaufkraftparität erwirtschaftet jeder der rund 2 Millionen Einwohner Katars im Durchschnitt mehr als doppelt so viel wie etwa eine in Deutschland oder der Schweiz ansässige Person. Diesen Reichtum verdankt das Emirat vor allem dem weltweiten LNG-Handel, dessen Angebot Katar derzeit mit rund einem Drittel aller Exporte dominiert. Darüber hinaus ist es für Katar aufgrund seiner geografischen Lage möglich, sowohl den asiatischen als auch den europäischen Markt zu ähnlichen Kosten zu versorgen. Tatsächlich ist Katar weltweit der einzige Top-Produzent, der nicht nur in Asien aktiv ist, sondern auch signifikante LNG-Mengen nach Europa verschifft.

Indem das Land bereits heute die Rolle eines sogenannten «Swing Supplier» einnimmt, gewinnen auch Entwicklungen in anderen Teilen der Welt mehr und mehr Bedeutung für den europäischen Gaspreis. In diesem Zusammenhang erwarten wir für die nächsten Jahre erhebliche Umwälzungen auf den globalen LNG-Märkten – und damit auch Veränderungen für den europäischen Gasmarkt.

Schwache asiatische Nachfrage trifft auf massive Angebotsausweitung

Hierzu trägt zunächst ein deutlicher Nachfragerückgang in den wichtigsten Importländern Japan und Südkorea bei: Obwohl diese noch immer fast die Hälfte der globalen LNG-Nachfrage auf sich vereinen, haben beide Nationen im Jahresvergleich 2015 zu 2014 rund 5% weniger LNG importiert. Eine Umkehr dieser Entwicklung ist derzeit nicht abzusehen, da die in beiden Ländern wiedererstarkende Kernkraft LNG weiter aus dem Markt drängen wird.

Vor allem aber stehen auf Produzentenseite massive Zubauten in Australien und den USA an, die das LNG-Angebot bis zum Ende der Dekade um beinahe die Hälfte ausweiten.

Auch wenn sich das Gros dieser Entwicklung erst in den nächsten Monaten und Jahren manifestieren wird, können wir bereits heute eine weltweite Niveauangleichung der Gaspreise beobachten.

Höhere Vertragsflexibilität mit Auswirkung auf den europäischen Gaspreis

Erklären lässt sich diese Entwicklung neben dem zunehmenden Wettbewerbsdruck vor allem durch die Ausgestaltung der US-amerikanischen Lieferverträge. So gewähren andere Produzenten ihren Abnehmern traditionell nur minimale Flexibilität hinsichtlich des tatsächlichen Lieferorts: hier erfolgt der Eigentumsübertrag an den LNG-Mengen zumeist erst am vertraglich festgelegten Zielhafen. Die Abnahmeverträge für US-LNG sind hingegen so ausgestaltet, dass der Käufer bereits am Ort der Verflüssigung frei darüber entscheiden kann, wohin die Ladung geliefert werden soll.

Obwohl die meisten Vertragspartner für amerikanisches LNG im asiatischen Raum angesiedelt sind, bedeutet dies daher nicht, dass die von ihnen übernommenen Mengen auch tatsächlich den Weg nach Asien finden müssen. Im Gegenteil: da die Transportkosten nach Europa aufgrund der deutlich geringeren Entfernung relativ niedriger sind, wird in den USA geladenes LNG nur dann nach etwa China, Japan oder Südkorea verschifft, wenn sich dort ein entsprechend höherer Preis erzielen lässt, mit dem sich das Transportkostendifferential gegenüber Europa kompensieren lässt.

Im Umkehrschluss bedeutet dies für den europäischen Gaspreis, dass dieser – zumindest in Zeiten niedriger asiatischer Gaspreise – zunehmend durch die Kosten bestimmt wird, zu denen sich US-LNG nach Europa liefern lässt. Da sich die hierfür relevanten Parameter entweder gut abschätzen lassen, oder wie der Henry Hub Preis sogar als Börsennotierungen gehandelt werden, können wir dieses Wissen wiederum nutzen, um ein geeignetes Modell zur Gaspreisprognose aufzubauen.

Die Gaspreisentwicklung in Europa

Tatsächlich lässt sich hierbei erkennen, dass sich die europäischen Gaspreise (hier dargestellt mittels des niederländischen TTF) seit Anfang dieses Jahres eng an den Lieferkosten von US-LNG orientieren.

Ob sich diese Entwicklung auch in Zukunft fortsetzen wird, ist von einer Vielzahl von Faktoren abhängig, wie etwa der längerfristigen Entwicklung der Gasnachfrage – sowohl in Europa als auch in Asien – aber auch von der Bereitschaft russischer Produzenten, ihren Marktanteil über Preiszugeständnisse zu verteidigen, oder der Entwicklung des amerikanischen Gaspreises.

Daniel Kawai

Daniel Kawai

Daniel Kawai ist als Quantitativer Analyst Handel verantwortlich für die Analyse der langfristigen Handelsstrategien der BKW. Für die Prognose der europäischen Strompreise modelliert er auch die Entwicklung der globalen Brennstoffmärkte.