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Zu einem der wichtigsten Faktoren eines funktionierenden europäischen Energiebinnenmarktes gehört der Netzausbau zwischen den Ländern. Dies ist im Zusammenhang mit dem Zubau von erneuerbaren Energien noch bedeutender geworden und hat auch einen direkten Einfluss auf die Strompreise der betreffenden Länder.

Im Fokus zum Thema Netzausbau steht der Verband der europäischen Übertragungsnetzbetreiber ENTSO-E. Dieser publiziert diesbezüglich alle zwei Jahre einen Bericht, den sogenannten 10-Year Network Development Plan (TYNDP), über die anstehenden Netzausbauprojekte. Der aktuellste Bericht stammt von Ende 2014. Auf Basis dessen haben wir folgende Auswertungen vorgenommen:

  1. In Grafik 1 wurde der geplante Netzausbau für Länder, welche für den Handel der BKW relevant sind, graphisch aufbereitet.
  2. In einem weiteren Schritt haben wir mit unserem Strompreisprognose-Modell die Auswirkungen des Netzausbaus auf die Preise für die nächsten vier Jahre geschätzt (vgl. Tabelle).
  3. Grafik 2 zeigt zudem einen Überblick über die bestehenden Netztransferkapazitäten (NTC), welche die maximale Kapazität zwischen zwei Ländern unter Berücksichtigung der Sicherheitsmargen in den betreffenden Ländern beziffert. Jedoch können diese Sicherheitsmargen variieren, womit die NTCs einem geschätzten Durchschnittswert entsprechen.
Grafik 1: Netzausbau in MW
Grafik 2: NTC in MW für Sommer und Winter
Preisdifferenzen zwischen dem Szenario mit Netzausbau und ohne Netzausbau in €/MWh

Netzausbauprojekt mit Relevanz für den Strompreis

Der Netzausbau zwischen Frankreich und Spanien ist ein gutes Beispiel, wie relevant dieser für den Strompreis von zwei Ländern sein kann. Der Netzausbau, der im Sommer letzten Jahres realisiert wurde, hat die zuvor bestehende Netzkapazität zwischen den beiden Ländern von 1,400MW auf 2,800MW verdoppelt. Gemäss dem französischen Übertragungsnetzbetreiber RTE könnten damit die Strompreise in Frankreich während dem Winter – vor allem im ersten Quartal des Jahres – sinken. Günstige und überschüssige Windenergie aus Spanien fängt die starke französische Nachfrage infolge elektrischer Heizung ab. In heissen und trockenen Sommermonaten hingegen exportiert Frankreich die Kernkraftenergie, um den erhöhten Strombedarf aufgrund von Klimaanlagen in Spanien zu decken.

Strompreisprognosen unter Berücksichtigung des Netzausbaus

Mit Hilfe unseres Strompreisprognose-Modells haben wir zwei Szenarien für die Preise in Deutschland, Frankreich, der Schweiz und Italien (Zone Nord) von 2016 bis 2019 gerechnet. Das eine Szenario basiert auf der Annahme, dass keine neuen Netzkapazitäten zugebaut werden. Das andere Szenario hingegen setzt auf einen Netzausbau, wie er gemäss dem Bericht von ENTSO-E projektiert ist.

Die Tabelle fasst die Preisdifferenzen zwischen dem Szenario mit Netzausbau gegenüber dem Szenario ohne Netzausbau zusammen. Dabei ist jeweils die Differenz der verschiedenen Cal-Produkte Base aufgelistet. Auffällig ist, dass sich der Netzausbau für Deutschland, Frankreich und die Schweiz in allen Jahren bullish auswirkt, während in Italien für die Jahre 2018 und 2019 der Netzausbau bearish wirkt. Dies ist vor allem darauf zurückzuführen, dass für Deutschland, Frankreich und die Schweiz die Netzkapazität zu Hochpreisländern erhöht wird. Namentlich sind dies vor allem Grossbritannien, Spanien, die Niederlande, Belgien sowie Italien.

  • Genauer betrachtet können die steigenden Preise des Cal16 für Deutschland und Frankeich mit dem Netzausbau zur Niederlande bzw. zu Grossbritannien erklärt werden. Über Deutschland und Frankreich wird auch das Cal16 in der Schweiz angehoben.
  • Das Cal18 wird in Frankreich durch einen weiteren Netzausbau nach Grossbritannien angehoben. Zudem wird in der Schweiz das Cal18 durch den Netzzubau nach Italien gestärkt bzw. in Italien geschwächt.
  • Das Cal19 wird in Deutschland und Frankreich deutlich gehoben wegen dem Netzausbau nach Belgien bzw. Italien. Dies führt dazu, dass die Schweiz wie beim Cal16 mitzieht, während Italien beim Netzausbau von deutlich tieferen Preisen profitiert.

Unsicherheiten bezüglich des Netzausbaus

Die Preisdifferenzen für die verschiedenen Cal-Produkte der Länder sind mit Augenmass zu interpretieren, da grosse Unsicherheiten bestehen, wann genau die Projekte umgesetzt werden. Dies hängt oft von politischen und finanziellen Faktoren ab. Des Weiteren beruhen die Preisdifferenzen auf zwei Extremszenarien, womit nicht die Differenzen zu den aktuellen Marktpreisen dargestellt werden. Die grosse Frage ist, wie viel von diesen Netzausbauszenarien bereits in den Strompreisen im Markt berücksichtigt wurde.

BEGRIFFE

  • Cal: Abkürzung für das Handelsprodukt eines Kalenderjahrs (engl.: calendar year) in europäischen Strommärkten.
  • Base: Stromlieferung innerhalb eines standardisierten Lieferzeitraumes (Tag, Woche, Monat, Quartal, Jahr) mit den Liefertagen Montag bis Sonntag und den 24 Lieferstunden zwischen 0 und 24 Uhr pro Liefertag. Der Energieinhalt beträgt zum Beispiel für ein Cal-Produkt mit 365 Liefertagen 8,760MWh.
  • Bullish: Bezeichnung eines Marktes, der durch steigende Preise gekennzeichnet ist. Der Bulle (engl.: bull) ist an Börsen das Sinnbild für Optimisten.
  • Bearish: Bezeichnung eines Marktes, der durch fallende Preise gekennzeichnet ist. Der Bär (engl.: bear) ist an Börsen das Sinnbild für Pessimisten.

Donatus Berger

Donatus Berger

Als Klimawissenschaftler liegt die Beurteilung der kurz- und langfristigen Entwicklung des Wetters und dessen Auswirkung auf den Strommarkt in seinem Fokus. Zudem ist der Analyst Origination & Trading mitverantwortlich für die qualitative und quantitative Analyse der wichtigsten Strom- und Brennstoffmärkte.