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In diesem Blog beleuchten wir die für 1. Oktober 2018 angedachte Trennung der deutsch-österreichischen Strompreiszone. Wir erklären warum die Abspaltung diskutiert wird und den Einfluss der möglichen Trennung auf Markt und Preise.

Worum geht es?

Im Strommarkt gibt es die «arrangierte Ehe» zwischen Deutschland und Österreich, welche seit Anfang des Jahrtausends als eine Preiszone behandelt wurden. In der gemeinsamen Preiszone gilt von Flensburg bis Graz ein und derselbe Grosshandelspreis für Strom.

In der deutsch-österreichischen Preiszone werden die beiden Nachbarländer somit als «Kupferplatte» behandelt, die sie aber de facto nicht sind. Zwar wirkt das europäische Stromnetz wie ein einziger Organismus, aber in Wirklichkeit besteht das Netz aus verschiedenen Regionen, deren physische Engpässe an den Grenzen ein einheitliches Stromnetz und eine länderübergreifende Liberalisierung des Strommarkts behindern.

Durch den massiven Ausbau an erneuerbaren Erzeugungskapazitäten – vor allem Wind in Norddeutschland – passiert es nämlich immer wieder, dass Stromflüsse nicht von Nord- nach Süddeutschland, sondern über Polen und Tschechien nach Süddeutschland und Österreich fliessen. Und hier setzt die Trennung der Strompreiszone an.

Streit um die Physik

Die deutsche Bundesnetzagentur hat die Netzbetreiber angewiesen, an der Grenze zu Österreich ab 1. Oktober 2018 «Engpassmanagement» einzuführen. Nach anfänglichem Rätselraten um die Höhe der Kapazität an der Grenze erklärte die Bundesnetzagentur Mitte Mai, dass den Marktteilnehmern eine Langfristkapazität von mindestens 4.9GW zur Verfügung stehen solle. Somit dürfen die Grosshändler ab 1. Oktober 2018 nur mehr so viel Strom verkaufen, wie tatsächlich über das Netz transportiert werden kann, um teure Ausweichmassnahmen wie den Redispatch zu vermeiden.

Die EEX prescht vor

Aber noch bevor die Bundesnetzagentur Details über die Höhe der Langfristkapazität veröffentlichte, preschte die EEX vor: per 25. April führte die Börse ziemlich überraschend für den Markt einen rein deutschen Futures-Kontrakt ein. Per 26. Juni wird die EEX zusätzlich Stromfutures allein für den österreichischen Markt anbieten. Der Index des deutsch-österreichischen Futures, der auch nach einer Trennung der gemeinsamen Preiszone weiterhin gehandelt werden kann, soll als gewichteter Mittelwert der von der Epex Spot festgestellten Day-Ahead-Einzelstundenpreise für Deutschland und Österreich ermittelt werden. Die Gewichtung soll dabei im Verhältnis Deutschland-Österreich 9:1 erfolgen, denn dies berücksichtige das Verhältnis von jährlich durchschnittlicher Erzeugung und Verbrauch in den beiden nationalen Märkten Deutschland und Österreich, so der Börsenrat.

Eine schmutzige Scheidung nach einer arrangierten Ehe?

Trotz der neuen Produkte ist die Börse kein Freund der Aufteilung der Zonen und empfiehlt stattdessen eine weitere Integration der europäischen Strommärkte. Wolfram Vogel, Director Public & Regulatory Affairs der EEX, argumentierte in der Fachzeitschrift emw, dass mit einer Trennung das Vorbildmodell der gemeinsamen Preiszone innerhalb Europas ein Ende finden würde. Zudem wäre eine Aufteilung teurer als eine Beibehaltung des gemeinsamen Marktgebietes. Eine «neue» Grenze müsste nicht nur im bilateralen Handel, sondern auch an der Börse engpassbewirtschaftet werden, statt einem Orderbuch gäbe es zwei getrennte Orderbücher.

Ist die Zonentrennung beschlossene Sache?

Nein, noch nicht. Der europäische Verband der Übertragungsnetzbetreiber Entso-E prüft derzeit die Gebotszonen, wobei die Ergebnisse erst im ersten Quartal 2018 erwartet werden.

Ob Österreich ein Wörtchen mitzureden hat, ist fraglich. Im Februar hiess es vom österreichischen Wirtschaftsministerium, dass Deutschland die Trennung der Strompreiszone einseitig vollziehen könne, da es dazu kein Abkommen gebe und Österreich damit in einer eher schwachen Verhandlungsposition sei.

Dennoch argumentiert Österreichs Energiebranche gedeckt vom Regulator E-Control und dem heimischen Netzbetreiber, der Austrian Power Grid (APG), dass die Engpässe in den strukturellen Schwächen innerhalb der deutschen Nord-Süd-Achse liegen und nicht an der Grenze zu Österreich. Dies hat sogar die Bundesnetzagentur zugegeben, allerdings mit dem Hinweis, dass dies nicht bedeute, dass es an der Grenze zu Österreich nicht noch einen Engpass gebe.

Kann die Trennung noch abgesagt werden? Was bedeutet ein Split für die Preise?

Laut dem deutschen Branchenverband BDEW würde die Trennung nur abgesagt, wenn Entso-E in ihrem Bericht Anfang 2018 eine andere Empfehlung ausspricht. Bis dahin wird man sich auf eine Trennung vorbereiten. Eine Alternative wäre eine Trennung innerhalb Deutschlands, also zwischen dem windreichen Norden und dem verbrauchsstarken Süden. Dies aber hat in der letzten Zeit weniger Aufmerksamkeit erhalten.

Allerdings hat sich die Situation mit der garantierten Grenzkapazität von 4.9GW auch etwas entspannt. Da dieser Wert im letzten Jahr lediglich in rund 20% der Stunden überschritten worden ist, sollte auch die Preisreaktion nicht allzu hoch sein – insbesondere wenn die Grenze direkt ins Flow-Based Market Coupling aufgenommen wird. Generell gilt: Österreich würde wohl höher handeln als Deutschland. Strompreismodelle des Handels der BKW ergeben für den Jahresbase im mittleren Szenario einen Spread Österreich-Deutschland von 2.1€/MWh bei einer Spannbreite der Szenarien von 1.5-2.7€/MWh. Die Strompreismodelle des Handels sehen auch für die Schweiz einen leicht positiven Preiseffekt, da die Schweiz teureren Strom aus Österreich importieren wird.

Alexandra Berchtold

Alexandra Berchtold

Die Analystin Handel ist verantwortlich für die qualitative Analyse der wichtigsten Strom- und Brennstoffmärkte, die Berichte und den Fluss der Nachrichten in die relevanten Kanäle innerhalb der BKW.