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Ein «Tipping Point» ist der Moment in einer Entwicklung, an dem ein Trend einen Punkt erreicht, an dem er völlig neue Rahmenbedingungen schafft – und an den man besser vorher denkt, als erst zu reagieren, wenn er da ist. Der Energiewirtschaft stehen in den kommenden 520 Wochen nach meiner Erkenntnis gleich drei entscheidende Tipping Points bevor – mehr als je zuvor in ihrer Geschichte.

Egal, ob privat, im Beruf oder für Unternehmen: Wir planen alle unsere Zukunft. Auch wenn wir inzwischen ganz gut gelernt haben, Trends zu erkennen, gehen wir jedoch häufig davon aus, dass Veränderungen kontinuierlich verlaufen. Wie fatal sich diese Annahme – unter welcher wir entscheidende systemkritische Punkte verpassen – auswirken kann, zeigt das «Frosch-Dilemma». Wird ein Frosch in eine Schüssel mit heissem Wasser geworfen, springt er reflexartig wieder heraus. Setzen wir ihn jedoch in kaltes Wasser, das wir langsam erwärmen, so nimmt der Frosch die «schleichende» Veränderung nicht wahr – bis zu einem alles entscheidenden Punkt: Ab etwas über 42 Grad beginnt das Eiweiss im Blut des Frosches zu stocken und verstopft langsam die Kapillaren seiner Sprungmuskeln. Erreicht die Information «springen» nach diesem Punkt die Muskeln seiner Oberschenkel, ist es bereits zu spät, da nicht mehr genügend sauerstoffreiches Blut in die Muskeln seiner Oberschenkel fliessen kann. Mit fatalen Folgen.

Wir nennen diesen Punkt einen «Tipping Point» – den Moment in einer Entwicklung, an dem ein Trend einen Punkt erreicht, an dem er völlig neue Rahmenbedingungen schafft – und an den man besser vorher denkt, als erst zu reagieren, wenn er da ist. Der Energiewirtschaft stehen in den kommenden 520 Wochen nach unserer Erkenntnis gleich drei entscheidende Tipping Points bevor – mehr als je zuvor in ihrer Geschichte.

Tipping Point 1: Das Ende der Dummheit

Wir stehen vor einem tiefgreifenden Wandel unseres Energiesystems. Die neue Allianz von Energie- und Informationsnetzen erstreckt sich schon sehr bald bis hinunter zum letzten Endgerät – und auch wieder hinauf. Internet und Energienetz verschmelzen an immer mehr Stellen und was dadurch entsteht, ist wesentlich interaktiver, dezentraler und «schlauer» als alles, was wir bisher kennen.

Doch die Magie dieser neuen Verbindung besteht aus mehr als nur ihrer Addition: Aus bislang «dummen» Geräten, die auf menschliche Intelligenz angewiesen waren, wird durch die Vernetzung ein autonomes, intelligentes System. Man kann diese Entwicklung mit der Evolution von einem Haufen Einzeller hin zu einem komplexen, vielzelligen Organismus vergleichen.

Im Zusammenspiel mit der weiterhin wachsenden Rechenleistung und Vernetzung über die Cloud ist schon bald legitim, von künstlicher Intelligenz im Zusammenhang mit dem Smart Grid und den daran angeschlossenen Geräten zu sprechen. Das macht den Weg frei für massive Innovationsschübe in den Bereichen «Home Services and Security», elektrische Mobilität, dezentrale Energieerzeugung, Energiespeicherung, Datenkommunikation, Mediendienste und Energiemanagement.

Derzeit vergeht keine Woche, in der sich nicht neue Akteure, Allianzen und Anbieter in Stellung bringen: Von Google über Tesla bis hin zu Microsoft wittern viele die Chancen im neu entstehenden globalen Megamarkt, der grösser und dynamischer werden könnte, als die Entwicklung des Internet in den letzten zehn Jahren. Und wahrscheinlich haben sie Recht.

Tipping Point 2: Individuelle Mobilität wird elektrisch

Quelle: Keba AG

Vor nicht allzu langer Zeit haben wir noch monatlich die Telefonrechnung an einen Telekommunikations-Anbieter bezahlt, die Endgeräte aber unabhängig davon für teures Geld bei einem Hersteller gekauft. Heute wählen Sie Preisplan inklusive Gerät nach Ihren individuellen Bedürfnissen bei einem Unternehmen Ihres Vertrauens. Ähnlich stellt sich unser Szenario für die Energieversorgung im Jahr 2025 dar: Jedes zweite neu in der Schweiz zugelassene Auto wird einen elektrischen Antrieb haben und vom iEVU (das i steht für intelligent) zusammen mit einem «Mobile Energy»-Tarif angeboten werden. Dabei bedient man sich des erprobten Erfolgsrezepts anderer Netzbetreiber: Die Hardware (in diesem Fall ein Elektroautoauto) gibt es vegünstigt, wenn man einen 24-Monatsvertrag mit monatlichen Grundgebühren für die Nutzung abschliesst – und ja: Es gibt wohl auch Verträge mit einer Flatrate im lokalen Netz: «All you can drive!» ist inklusive.

Das Netz nutzt diese Autos gleichzeitig als Energiespeicher und -puffer, womit ein iEVU hohe Effizienzgewinne durch intelligentes Lastmanagement und die Einsparung von Kraftwerksneubauten bzw. Spitzenlastzukäufen erzielt. Voraussetzung ist, dass das Elektroauto und das Netz intelligent sind und miteinander kommunizieren, und somit Ladung und Entladung das Netz in seiner Lastkurve aktiv unterstützen. All dies beginnt schon bald, wenn netzseitig zeitvariable Tarife übermittelt werden und über Smart Meter gesteuert werden können.

Richtig wirtschaftlich wird dieses Konzept aber erst, wenn der Preis für Akkus unter eine gewisse Schwelle (Tipping Point) fällt, nämlich unter 100 CHF pro KWh Akkukapazität. Dann kostet der Energiespeicher inklusive der gesamten Antriebseinheit eines Fahrzeugs mit einer elektrischen Reichweite von 250 Kilometer oder mehr nur noch so viel, wie ein gleichstarker Verbrenner. Ab diesem Zeitpunkt ist der Kauf und Betrieb von Benzin- oder Dieselautomobilien die teurere Alternative. Diesen Tipping Point prognostizieren wir (auf Basis der Dynamik der Akku-Entwicklung der letzten Jahre) für das Jahr 2018.

Daneben werden die Angebote für individuelle Mobilität wesentlich differenzierter, bis hin zu selbstfahrenden Fahrzeugen, die auch von Menschen bewegt werden können, die nicht mehr selbst fahren wollen.

Tipping Point 3: Neue Knappheiten

Erschwerend wirkt sich ein Trend aus, der in den nächsten Jahren immer stärker zu Tage tritt: Der Mangel an talentierten, qualifizierten und motivierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wird sich in den nächsten Jahren drastisch verschärfen: 27 Prozent der heute Arbeitenden gehen in den nächsten 520 Wochen in den Ruhestand.

Wir haben nicht genügend qualifizierten Nachwuchs, um diese Lücke zu füllen. Weltweit und in allen Branchen werden die Menschen, die diese Veränderungen managen, gestalten, umsetzen, vermarkten und berechnen knapp. Im englischsprachigen Raum spricht man vom «War for Talents», der beschreibt, dass nicht der Zugang zu Kapital in Zukunft über Erfolg entscheidet, sondern der Zugang zu Talenten. Regionen wie Kalifornien, aber auch in Asien fangen an, gezielt Talente aus aller Welt anzuziehen, denn ohne sie haben die Firmen in Zukunft keine Chance mitzuhalten. Diese Menschen zu finden, zu führen und zu halten, wird neben allen technischen Herausforderungen eines der beherrschenden Themen des Managements werden.

EVUs am Scheideweg

Die dezentrale Energieversorgung nimmt deutlich Fahrt auf: Solarkollektoren sind in vielen Neubauten Standard. Der Preis für Solarzellen wird aufgrund neuer Fertigungsmethoden, Nano-Materialien und Skaleneffekten um weitere 60 Prozent in den nächsten zehn Jahren fallen, womit dann diese Form der Energieerzeugung deutlich günstiger ist, als die Erzeugung aus fossilen Energiequellen. Dies wird (neben der Entwicklung der Speichertechnologien) einen weiteren Tipping Point in der dezentralen Erzeugung darstellen. Den Betrieb dieser dezentralen Kraftwerke werden iEVUs oder neue Smart-Grid-Dienstleistungsunternehmen übernehmen.

Energieversorger werden sich zukünftig in zwei Gruppen aufteilen lassen: Die Innovativen (Agierende) und die Hinterherläufer (Reagierende). Je nach politisch herrschenden Wettbewerbsbedingungen ist davon auszugehen, dass der Wettbewerb unter den Anbietern härter wird. Die neue Transparenz von Preisen, Angeboten, Dienstleistungen und Produkten wird die Unterschiede für Konsumenten und Industriekunden schnell deutlich machen. In den zukünftigen liberalisierten Märkten erfolgt daher der Wechsel von Anbietern (von EVU zu iEVU) immer weniger aufgrund günstiger KWh-Preise, sondern aufgrund von differenzierten Produkten und Servicepaketen.

Das Management eines jeden EVU hat es bereits jetzt in der Hand, wie man den Trends und Zukunftstechnologien heute und in Zukunft begegnen möchte. Die aktive Beschäftigung in Arbeitskreisen und Innovationszirkeln hilft dabei, sich schon frühzeitig auf die verschiedenen Herausforderungen vorzubereiten.

Zudem ist auch die Interaktion mit Zulieferern, Beratern und Kunden gefragt, gilt es doch in einem überschaubaren Rahmen neue Dienste, Produkte und Geschäftsmodelle auszuprobieren und zu lernen. Das gilt nun auch in der Branche der EVU, so wie es in anderen Innovationsindustrien seit vielen Jahren bei den erfolgreichsten Unternehmen gängige Praxis ist.

SWISS ENERGY AND CLIMATE SUMMIT

Vom 13. bis 14. September 2016 findet im Kursaal in Bern das Swiss ECS – Energy and Climate Summit – statt. An der führenden Schweizer Konferenz für Energie- und Klimafragen nehmen jährlich über 700 Entscheidungsträgerinnen und -träger aus der Energie-, Finanz-, Versicherungs- und Baubranche sowie Vertreterinnen und Vertreter von NGOs, Bund und Kantonen teil. Dabei werden die Teilnehmenden für die aktuelle Energie- und Klimaproblematik sensibilisiert.

Die BKW organisiert am Swiss ECS die Breakout Session zum Thema «Tomorrow’s Building – Integration oder Autarkie». Dabei werden unter anderen Andreas Bittig, Leiter Energy Solutions BKW und Lars Thomsen, Zukunftsforscher und Gründer der future matters AG, teilnehmen. Urs Meister, Leiter Regulierungsmanagement bei der BKW, wird zum Thema «Carbon Bubble – Risiko für Finanzmärkte oder falsche Sorge?» Stellung beziehen.

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Lars Thomsen

Lars Thomsen

Lars Thomsen ist Zukunftsforscher und Gründer der future matters AG.