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Was für Autos fahren wir in Zukunft? Ist der Elektroantrieb die einzige Lösung? Gibt es genügend Strom dafür? Sind diese Autos wirklich sauberer? Über derartige Fragen diskutieren Jörg Beckmann, Geschäftsführer des Verbands Swiss eMobility, und Christian Bach, Leiter der Abteilung Verbrennungsmotoren der Empa, einer Forschungsinstitution im ETH-Bereich.

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BKW Magazin: Herr Beckmann, Swiss eMobility ist unseren Leserinnen und Lesern vermutlich kein Begriff. Worum handelt es sich da?

Jörg Beckmann: Unser Verband wurde 2012 gegründet und engagiert sich für die Entwicklung der Elektromobilität in der Schweiz. Zu Swiss eMobility gehören etwa die Amag oder der TCS, dann Unternehmen aus dem Energiesektor, aber auch beispielsweise Swisscom und die Post. Unsere Mitglieder sind es auch, die zusammen mit weiteren Partnern das nationale Schnellladenetz «EVite» aufbauen.

BKW Magazin: Herr Bach, ETH-Bereich und Empa sind gängigere Begriffe. Beschäftigen Sie sich in Ihrer Abteilung nur mit der aussterbenden Gattung der Verbrennungsmotoren?

Christian Bach: Der Verbrennungsmotor stirbt wohl nicht so schnell aus. Wir beschäftigen uns grundsätzlich mit Fahrzeugantrieben, sei es elektrisch, hybrid, mit Gas- oder Wasserstoffbetrieb. Mit unserem Future Mobility Demonstrator zeigen wir zudem, wie überschüssiger Strom aus Sonne und Wind am sinnvollsten in der Mobilität genutzt werden kann. Dabei geht es nicht um Benzin- oder Elektroantrieb: Der Paradigmenwechsel, den wir gerade erleben, geht vielmehr von «fossil» zu «erneuerbar». Und ich denke, dass alle Konzepte einen wertvollen Beitrag leisten werden, die reinen Elektroautos ebenso wie Hybridfahrzeuge und gasbetriebene Autos. Ich selbst fahre einen Mittelklassekombi mit Gasmotor; der ist auch für längere Strecken ideal.

 

BKW Magazin: Bleiben wir gerade beim Thema längere Strecken. Herr Beckmann, derzeit kann ich mit einem Elektroauto nicht einmal die Schweiz durchqueren. Es dürfte daher noch lange dauern, bis sich Elektrofahrzeuge im Massenmarkt durchsetzen …

Jörg Beckmann: Sie haben sich schon durchgesetzt! Seit vier Jahren erleben wir eine Transformation des Automobilmarkts: Alle Hersteller haben mindestens ein Modell mit Elektroantrieb; Volkswagen plant sogar, sämtliche Modelle auch mit alternativem Antrieb anzubieten. Dementsprechend haben sich die Zulassungszahlen in den letzten Jahren verdoppelt. Aber da wir im Durchschnitt nur alle sieben Jahre ein neues Auto kaufen, junge Lenker noch seltener, wird es noch eine Weile dauern, bis das auf den Strassen sichtbar ist. Dass man die Schweiz problemlos durchqueren kann, ist mit manchen Fahrzeugen schon Realität und als allgemeine Regel durchaus absehbar. Aber natürlich ist das E-Auto ideal für den Nahverkehr, für Pendler, Kurzstrecken in der Stadt. Für längere Strecken sind, wie Herr Bach sagt, andere Antriebe geeigneter. Wichtig ist, dass wir über das Auto grundsätzlich nachdenken, es geht um die postfossile Mobilität.

BKW Magazin: Sind denn diese postfossilen Fahrzeuge wirklich sauberer? Verhalte ich mich nachhaltig, wenn ich ein Elektromobil kaufe?

Christian Bach: Ganz so einfach ist diese Frage nicht. Ein Elektroauto mit Schweizer Strom verursacht zwar weniger CO2 als ein Benzinfahrzeug, dafür auch Atommüll, was wir – gemäss Energiestrategie – ja auch nicht wollen. Deshalb bringt nur die erneuerbare Elektrizität eine Lösung – und genau da stösst man auch an Grenzen: In Simulationen zur Energiestrategie wurden bis 2050 rund 40% der Personenwagen als Elektrofahrzeuge angenommen. Diese Simulationen zeigen, dass, selbst wenn die Energiestrategie umgesetzt werden kann, rund die Hälfte des dafür benötigten Stroms importiert oder aus fossilen Quellen hergestellt werden müsste. Elektro, Gas- und Wasserstofffahrzeuge haben aber die Möglichkeit, erneuerbare Energie zu nutzen. Sie haben deshalb klar ein Nachhaltigkeitspotenzial.

Jörg Beckmann: Aber diese Zahlenspielereien gehen nicht auf! Der Energiesektor ist ja im Wandel, die produzieren doch immer mehr erneuerbare Energien, Strom wird immer grüner. Ausserdem bestimme ich als Fahrer eines Elektroautos ja selbst, was für Strom ich kaufe.

Christian Bach: Stromvignetten und CO2-Zertifikate sind eigentlich Verschmutzungsrechte und für uns nur während einer Übergangszeit eine gangbare Lösung. Wir fokussieren auf die physikalische Nutzung von erneuerbarer Energie.

BKW Magazin: Ganz sicher wird das Smart Grid dabei eine Rolle spielen. Wenn dereinst sehr viele Elektrofahrzeuge angeschlossen sind, dürften sie sogar eine stabilisierende Rolle spielen. Werden die Autofahrerinnen und Autofahrer da mitspielen?

Christian Bach: Idealerweise wären Elektrofahrzeuge ja über Mittag am Netz, wenn überschüssiger Solarstrom vorhanden ist. Da das schwierig zu organisieren ist, wollen wir den Einsatz von Netzbatterien als Stromzwischenspeicher klären.

Jörg Beckmann: Ich denke, dass es in naher Zukunft für uns alle selbstverständlich sein wird, Teil des Smart Grid zu sein. Zudem: Der Nutzer, der ein Elektrofahrzeug kauft, will ja Teil des Umdenkens sein. Elektromobilität, das ist nicht einfach nur ein neuer Antrieb, es ist der Kristallisationskern eines neuen Denkens.

BKW Magazin: Ein schönes Schlussvotum. Darf ich Ihnen das letzte Wort geben, Herr Bach?

Christian Bach: Nun, meine Vision ist, dass Elektro-, Gas- und Wasserstofffahrzeuge entsprechend ihren Stärken für die teilweise sehr unterschiedlichen Mobilitätsbedürfnisse eingesetzt werden und dabei der Anteil an erneuerbarer Energie kontinuierlich erhöht wird. Einheimischem Biogas und strombasierten Treibstoffen gehört die Zukunft. Dabei bleibt auch die Wertschöpfung vermehrt im Inland.

BKW und ihr Beitrag zur Elektromobilität 

Seit März 2014 baut die BKW Energie AG zusammen mit der Groupe E SA das schweizweit grösste Ladestationennetz, genannt MOVE, auf. Die Nutzung erfolgt über Mitgliederkarten, das Smartphone-App oder für Nichtmitglieder per SMS. Zudem vertreibt die BKW Ladestationen für den Heimbereich inkl. Installation www.bkw.ch/elektromobilitaet

Guy Hüsler

Guy Hüsler

Redaktor Digital Experience und verantwortlich für den BKW Blog

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