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Suzanne Thoma, 55, ist Naturwissenschaftlerin. Ihr Interesse gilt den Fakten und dem Machbaren. Hat sie die Lage analysiert, definiert sie den Weg, wie man als Erste und Beste ans Ziel gelangt. Diese Taktik wendet sie auch als CEO der BKW an, des drittgrössten Energiekonzerns der Schweiz. Die promovierte Chemieingenieurin will die BKW zum führenden Infrastrukturunternehmen umbauen. In einem Umfeld, das permanent unter Strom steht, ist Suzanne Thoma der ruhende Pol. Es scheint, als habe sie ein inneres Energieeffzienz-Programm. Statussymbole interessieren sie nicht, sie nimmt wenn immer möglich das Tram und den Zug. Braucht sie mal ein Auto, tuts ein Wagen aus dem BKW-Fuhrpark. «Die sauberste Energie ist die, die wir nicht konsumieren», sagt die Vegetarierin und lebt diese Philosophie auch vor. Grundsolid statt glamourös ist das Credo der Mutter zweier Töchter und Grossmutter einer Enkelin.

GRUEN: Frau Thoma, die BKW schaltet als erster Energiekonzern der Schweiz 2019 sein Kernkraftwerk ab. Wann ist die letzte Spur des KKW Mühleberg getilgt?

Ende 2019 stellen wir ab. Die hoch radioaktiven Brennstäbe kommen bis 2024 in ein Abklingbecken auf dem Areal und werden dann im Zwischenlager Würenlingen eingelagert. Der Abbau des Reaktorkessels und das Reinigen der Anlage erfordern etwa fünfzehn Jahre. Dafür werden wird spezialisierte und erfahrene Firmen engagieren. Ab 2034 kann das Gebiet wieder genutzt werden. Die BKW hat in ihrer Geschichte viele technische Pionierleistungen vollbracht. Mit dem ersten Rückbau eines KKW setzen wir diese Tradition fort.

Sie schalten das eigene KKW ab, an welchen anderen ist die BKW beteiligt?

Wir besitzen zehn Prozent an Leibstadt, und im Ausland haben wir langfristige Abnahmeverträge.

Sie kaufen auch Strom ein. Kaufen Sie den billigsten, also aus KKW, oder sind Sie dort ebenso konsequent?

Wir kaufen und liefern, was die Kunden verlangen. Es gibt leider einen grossen Unterschied zwischen Herz und Portemonnaie respektive zwischen öffentlich geäusserter Meinung und individuellem Verhalten: Viele unserer Geschäftskunden wollen den günstigsten und nicht den saubersten Strom. In unserem Einzugsgebiet haben wir aber zumindest Strom aus Wasser als Standardangebot definiert.

Stört Sie diese Diskrepanz?

Die Frage ist nicht, ob mich das stört. Es ist so, und wir müssen uns entsprechend verhalten und dem Markt anpassen. Und die Energiebilanz mit technischem Fortschritt verbessern.

Sind Sie eine Pragmatikerin oder eine Visionärin?

Ich versuche, beides zu sein. Als wir 2013 den Entscheid zum Abschalten von Mühleberg fällten, war nicht klar, ob es der richtige Weg ist. Visionär sein heisst auch, frühzeitig zu erkennen, was nicht mehr funktioniert, und zu den Ersten zu gehören, die diesen Weg einschlagen. Den Weg muss man dann aber pragmatisch gehen.

Die BKW ist im Kaufrausch und hat in den letzten Jahren rund fünfzig kleine und mittlere Firmen erworben. Was soll aus diesem Mischkonzern dereinst werden?

Wir sind kein Mischkonzern, sondern wir entwickeln uns vom Stromproduzenten zum Dienstleistungsunternehmen für Infrastruktur. Das ist eine logische Weiterentwicklung unserer Firma, wir bleiben bei unserer DNA.

Das müssen Sie etwas genauer erklären.

Wir sind eine Energielieferantin, die dafür sorgt, dass Energie effizient genutzt und umweltfreundlich produziert wird. Als eine der Ersten hat die BKW Versuche mit Wind- und Sonnenenergie gemacht. Diesen Weg gehen wir konsequent weiter. Stromproduktion wird auch weiter eines unserer Kerngebiete bleiben. Der zweite Pfeiler ist die Gebäudetechnik: Fünfzig Prozent des Energieverbrauchs finden im Gebäude statt. Dort geht viel verloren aufgrund mangelnder Isolation oder ineffizienter Gebäudetechnik. Das ist unsinnig. Der dritte Schwerpunkt ist der Ausbau der Ingenieurskunst: Wer in den Bergen Kraftwerke und Staumauern bauen kann, hat ein grosses Wissen in der Planung und im Bau von komplexen Grossprojekten und Infrastrukturanlagen.

«Wir gehen stetig und ruhig unseren Weg. Die BKW ist vielleicht ein bisschen langweilig. Dafür sind wir solid», sagt die Chefin.

Trotzdem: Sie sind in Deutschland am Bau eines Hafens beteiligt. Wozu nützt das denn?

Wir tragen zu vielen europäischen Grossprojekten bei. Mittlerweile gehören sie zu unserer Spezialität. Auch in der Schweiz warten in den nächsten Jahrzehnten grosse Infrastrukturvorhaben! Denken wir nur an die Wasserversorgungen: Die Leitungsnetze sind grösstenteils rund hundertjährig und müssen bald erneuert und ausgebaut werden.

Wenn Sie so viele Firmen in kurzer Zeit zukaufen, birgt doch das auch Risiken.

Es sind kleine und mittlere Firmen, und wir haben keine Garantie, dass alle reüssieren. Aber durch die inhaltliche und geografische Diversifizierung haben wir die Risiken verteilt. Wir kaufen nicht planlos ein, sondern verfolgen seit fünf Jahren eine glasklare Strategie. Bereits gehören 3500 unserer 5000 Mitarbeitenden zum Dienstleistungsbereich.

Wie führen Sie einen Konzern mit so vielen Kulturen und Ausrichtungen?

Wir sind thematisch unter einem Dach – nämlich jenem der Infrastruktur. Wir haben vor Jahren mit kleinen Zukäufen angefangen, wir hatten ja keine Übung mit Übernahmen und Integration. Aber wir lernen täglich. Wichtig ist, dass wir eine offene und verbindende Kultur pflegen. Wir müssen uns austauschen und unsere Erkenntnisse, aber auch die Fragestellungen teilen. Wir müssen das Neue zulassen und gleichzeitig das Alte würdigen. Die BKW war immer ein gut aufgestelltes und erfolgreiches Unternehmen! Wir sind solid, nicht glamourös.

Im Innern Ihres Hauptsitzes – ein altehrwürdiges Berner Sandsteingebäude – haben Sie einen Umbau initiiert. Jetzt gibt es viele Farben, offene Räume und Begegnungszonen. Wie kommt das an?

Der Umbau ist das Symbol der Kultur des Teilens und des Austauschs. Auch ich setze mich oft an den grossen Tisch gleich beim Empfang oder in die Sitzgruppen und arbeite dort. Neues entsteht im Dialog und oft durch unerwartete Begegnungen. Das wollen wir fördern.

Beschreiben Sie Ihren Führungsstil.

Ich will, dass wir gemeinsam ein Ziel definieren. Hier bringe ich mich stark ein. Wie man das Ziel erreicht, ob über den Weg links oder rechts, ist oft der Führungskraft überlassen. Ich will auch nicht immer recht haben – also meistens nicht (lacht).

Die BKW experimentiert mit autarken Häusern, also Gebäuden, die selber so viel Strom produzieren, wie sie verbrauchen. Wie sinnvoll ist ein autarkes Haus?

Ob es sinnvoll ist, dass jeder sein eigener Energieproduzent ist, kann man sich fragen. Denn: Einen Anschluss an ein Netz braucht trotzdem jedes Haus als Back-up. Und eine ganze Netzinfrastruktur aufrechtzuerhalten, nur um als Back-up zu dienen, ist weder effizient noch sinnvoll. Aber auch hier: Uns interessiert, was möglich ist, und das Know-how.

Die BKW produziert vor allem Strom aus Wasserkraft. Die Strompreise sind am Boden, und die Wasserkraft kann mit den hohen Produktionskosten nicht mehr bestehen. Fordern Sie, wie andere Stromkonzerne, Subventionen zur Rettung der Wasserkraft?

Subventionen scheinen mir nicht der richtige Weg zu sein. Die BKW möchte kein Subventionsempfänger werden. Gerettet werden muss ja nicht die Wasserkraft, sondern es wäre allenfalls eine Rettung der Firmen. Die Preise sind so tief, weil Strom aus Kohle und Gas so wenig kostet. Grund dafür ist, dass der Handel mit CO2-Zertifkaten nicht funktioniert und die Produzenten von umweltschädlichem Strom nicht für die Luftverschmutzung bezahlen müssen. Besser wäre eine Belastung gemäss den externen Kosten, die jeder verursacht.

Der Stromkonzern Alpiq plant, Teile der Wasserkraftwerke zu verkaufen. Das gibt doch einen Ausverkauf der Heimat!

So eng sehe ich das nicht. Ob ein Wasserkraftwerk einer ausländischen Firma gehört, ändert nichts daran, dass der Strom in der Schweiz produziert und das Werk in der Schweiz bleibt.

Und was tun Sie für Ihren persönlichen Energiehaushalt?

Ich trainiere nicht für einen Marathon, das Berufsleben ist Marathon genug. Ich mache Yoga und finde, ich sei ein bisschen faul: Als meine Töchter noch klein waren, hatte ich als berufstätige Frau ein ganz anderes Pensum.

Das Ziel von Suzanne Thoma: Die BKW soll zum Symbol für einen nachhaltigen Lebensstil werden.

Dieser Artikel ist im SI Grün erschienen, einem Magazin der Schweizer Illustrierten.