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Im Kernkraftwerk Mühleberg (KKM) ist Revisionszeit. Wo während der Stromproduktion die Maschinen ruhig surren, ist momentan viel los. Nebst den KKM-Mitarbeitenden befinden sich zusätzlich 600 externe Fachkräfte auf dem Gelände. Sie unterstützen bei den Revisionsarbeiten. Ich hingegen habe heute vor allem Augen für ein spezifisches Projekt – ein Nachrüstprojekt: Die neue Niederdruckeinspeisung, welche im Notfall Kühlwasser in den Reaktordruckbehälter pumpt.

Das KKM geht jeden Sommer in Revision. Nebst Routinearbeiten wie Brennelementwechsel und präventiver Instandhaltung wird diese Zeit genutzt, um das Kraftwerk nachzurüsten In der diesjährigen Revision steht eine aufwändige Nachrüstung an: Das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (ENSI) fordert vom KKM eine automatische, erdbebenfeste und überflutungssichere Niederdruckeinspeisung in den Reaktordruckbehälter. Sie muss im Hinblick auf den sicheren Weiterbetrieb bis Ende 2019 diesen Sommer umgesetzt werden. Es ist eine der komplexesten Nachrüstungen seit dem Bau des SUSAN-Notstandsystems im Jahr 1989.

Einfache Notfallsysteme – komplexe Entwicklung

Ich fahre ins KKM und treffe mich mit dem Projektleiter Daniel Honsperger, denn ich will wissen, was hinter der neuen Niederdruckeinspeisung steckt. «Das ist ein weiteres, unabhängiges System, das im Notfall zum Einsatz kommt und Wasser zum Kühlen in den Reaktor fördern kann, wenn alle Sicherheitssysteme zur Einspeisung in den Reaktor versagen», erklärt er mir. Tönt einfach, ist es aber nicht: «Notfallsysteme müssen im Anforderungsfall zuverlässig und robust sein. Ihre Entwicklung ist deshalb meist besonders komplex.» Entsprechend minutiös wurde die Nachrüstung geplant: Bereits Anfang 2014 hat ein Team aus rund 10 Maschinen-, System-, Elektro- und Bauingenieuren das Konzept dazu entwickelt. In der anschliessenden Ausführungsphase haben bis zu 15 Spezialisten die Details geplant und Pläne erstellt. Alle Projektphasen – vom Konzept über die technische Spezifikation und Umsetzung bis zur Enddokumentation – werden vom ENSI begutachtet und freigegeben.

Daniel Honsperger zeigt mir in seinem Büro den Plan der Niederdruckeinspeisung. Die orangen Leitungen gehören zum neuen System. Die grünen, welche ebenfalls während der Jahresrevision verlegt wurden, sind bereits Vorarbeiten für eine weitere Nachrüstung: Die Brennelementbecken-Notfallkühlung, welche ebenfalls noch bis Ende dieses Jahres realisiert wird.

Extra angefertigte Bauteile

Bei Nachrüstungen in einem Kernkraftwerk kommt es nicht selten vor, dass Komponenten wie Ventile, Armaturen oder Rohrleitungen massgeschneidert angefertigt werden müssen. Denn jede Komponente muss die Anforderungen ihrer Sicherheitsklasse erfüllen. «Für die Dieselmotorpumpe, welche Wasser in den Reaktor fördert, mussten wir zum Beispiel aufzeigen, dass sie erdbebenfest ist. Dies haben wir einerseits rechnerisch, andererseits anhand eines Rütteltischversuchs nachgewiesen.» Langsam wird mir klar, weshalb eine Nachrüstung dieser Grössenordnung so viel Zeit benötigt.

Einen Überblick über die Nachrüstungen seit 2015 finden Sie auf unserer Website.

Endspurt vor dem Wiederanfahren

Fachkräfte führen die letzten Schweissarbeiten an einer Leitung aus – Endspurt, damit die neue Niederdruckeinspeisung vor dem Wiederanfahren der Anlage bereit steht. Zuvor müssen aber alle Komponenten sorgfältig getestet werden. Das Projektteam hat den genauen Ablauf der Tests vorgängig beim ENSI eingereicht und dazu die Freigabe erhalten. Bei den Tests sind auch ENSI-Fachspezialisten anwesend. Für Daniel Honsperger und sein Team geht das Projekt aber erst mit der abschliessenden Dokumentation, welche noch ansteht, zu Ende. Sie umfasst in ihrer Papierform rund 20 Bundesordner. Für die Niederdruckeinspeisung stehen ab jetzt jeden Monat kleinere Tests an. Ein grösserer folgt in einem Jahr, wenn das KKM für eine weitere Revision heruntergefahren wird.

Sicherheit bis zum letzten Tag

«Weshalb werden nur dreieinhalb Jahre vor dem endgültigen Abschalten des Kraftwerks noch solch grosse Nachrüstungen getätigt?» will ich von Daniel Honsperger wissen. «Wir investieren bis zum letzten Tag mit verschiedenen Massnahmen und Nachrüstungen in die Sicherheit. Sicherheit steht für uns immer an erster Stelle.»

Ein Arbeiter führt letzte Schweissarbeiten an einer Rohrleitung aus.
Yolanda Deubelbeiss

Yolanda Deubelbeiss

Projektleiterin Kommunikation bei der BKW DE