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Anfangs 2014 organisieren wir vom BKW Technology Center eine Brown Bag University, Mittagsvorträge für Mitarbeitende. Energiewende heisst das Oberthema, die Vorträge beleuchten diese aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Mal eher technisch, mal wissenschaftlich, mal aus der Sicht vom Markt, vom Netz, der Kunden, der Produktion oder der Langfristprognose. Immer mit Sandwich und Apfel dazu, schliesslich nutzen wir die Mittagszeit. Spotlights, Schlaglichter, Austausch. Was heisst das grosse Wort, das so prominent überall steht, das mich dazu bewegt hat, hier zu arbeiten. Gross und kaum fassbar, da es eine technologische wie auch eine gesellschaftlich Sicht ist, die Energieversorgung wird neu definiert und organisiert, wenn wir von endlichen, fossilen Energieträgern auf erneuerbare umsteigen. Das System verändert sich und damit unser Alltag. Also auch unser Arbeitsalltag hier bei der BKW. Wir verlassen das Feld der zentralen Grossanlagen, wie sie in Mühleberg (noch) laufen und wo Leute arbeiten, die jeden Tag ihr Bestes geben, um Strom zuverlässig und fehlerfrei, sicher zu produzieren. Die Zukunft ist erneuerbar, dezentral und dienstleistungslastig. Dass auch das geht, hat uns Prof. Gunzinger vorgerechnet, als er im Mai an der Brownbag University gesprochen hat.

Martin Saxer, Leiter des Kernkraftwerks in Mühleberg, war mein erster Redner im Frühling. Menschen sind im Zentrum seines Vortrags gestanden, Menschen, die zwischen Technik, Strategie, Politik und Privatleben ihren Alltag bewältigen, eine grosse Familie bilden, inzwischen gewohnt an Kritik und daran, mit jeder Aussage ins Kreuzfeuer der Öffentlichkeit zu geraten, der Öffentlichkeit, der sie mit ihrer Arbeit verbunden und verpflichtet ist. Auch das ist Energiewende, der Push Faktor, der eine bestehende Technologie ablösen will. Wohin geht die Reise? Wohin geht sie, wenn das Werk 2019 vom Netz genommen wird. Ist es das Ende eines Berufsstandes, den es für 40 Jahre oder so gegeben hat, oder ist es die Geburt eines Neuen, der in den kommenden Jahrzehnten die nuklearen Grossanlagen des 20. Jahrhunderts wieder zerlegt und die Gebäudeteile einlagert für eine Zeit, die der Ewigkeit nahekommt? Vor 20 Tausend Jahren war unsere Zivilisation nicht vorstellbar, erst grad kürzlich hat sich die letzte Eiszeit in die hintersten Winkel der Alpen zurückgezogen. Vor 20 Tausend Jahren überdeckte sie das BKW Versorgungsgebiet weitgehend. Martin Saxer stellt sich den Fragen und versucht sie mit seinen Mitarbeitern, seinem professionellen Auftrag als Betriebsleiter und mit den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in Einklang zu bringen.

Die Energiewende verändert unser Verteilnetz, sie verändert unsere Produkte, den Strommarkt und sie verändert dereinst selbst unserer Mobilität. Keiner zeigt das derzeit deutlicher als Elon Musk, der Gründer von Tesla Motors, der mit seinen spektakulären elektrischen Limousinen das Auto neu erfindet. Nicht Musk hat nach der Sommerpause Tesla bei uns präsentiert, sondern der Country Director Switzerland Jochen Rudat. Um Elon zu verpflichten, müsste ich eine Bundesrätin ins Publikum zaubern, hat es geheissen.  Aus dem Hut zaubern. Naja. Lustig, dass unsere CEO, Suzanne Thoma, anschliessend an den Vortrag von einem der anwesenden Tesla Model S zu ihrem nächsten Meeting mit Frau Bundesrätin Simonetta Sommaruga gebracht wurde. Man soll das Glück auffangen, wenn es einem in die Arme fällt.

Die Produkte, die wir entwickeln sind nicht mehr auf die Bereitstellung von Spannung und Frequenz am Hausanschluss und der jährlichen Verrechnung der bezogenen Strommenge limitiert. Die Produktepipeline ist geladen mit Dienstleistungen, die sich auf die effiziente und komfortable Verwendung dessen konzentrieren, was wir produzieren, handeln, verteilen. Der Leiter Produkte und Dienstleistungen hat uns überdies auch klar gemacht, dass auch die Produktion und Einspeisung von dezentralen erneuerbaren Energieanlagen ein Feld öffnen, wo wir unseren Kunden und Kundinnen behilflich sind und ihnen Dienste leisten. Dass dies das Netz nicht in jedem Fall kalt  lässt (heisse Drähte sind vielleicht in der Telefonie gut…) und wir eine temporäre Überlastung der Infrastrukturen verhindern können, sei es klassisch durch Kupfer oder Smart mittels Spannungsreglern, regelbaren Transfomatoren, Blindleistung, Speichern, Regelungen und Steuerungen war Thema im Vortrag des Leiters der Geschäftseinheit Grid Solutions.

Das Auditorium wollte aus allen Nähten platzen, als heute die Leiterin der Geschäftseinheit Wind das Podium eingenommen hat. Ist es das Thema, die Person, oder beides, das soviel Interesse weckt? Vielleicht liegt es auch an den Sandwiches! Statt der angemeldeten 80 Personen haben mindestens 100 aufmerksam zugehört und lebhaft an der Diskussion teilgenommen. Diese findet schon während dem Vortrag statt, es gibt lebendige, engagierte, emozionale 60 Minuten. Die Windanlagen der BKW erreichen heute schon ca.  die installierte Leistung des KKW in Mühleberg. In den kommenden Jahen ist ein weiterer Ausbau vorgesehen, Wind ist der Schwerpunkt der BKW in den neuen erneuerbaren Energien. Bis 2023 sollen sie über eine Milliarde KWh Strom produzieren und damit ebendieser Energiewende eine solide Basis geben. Die Anlagen stehen in Deutschland und Italien und auf dem Mont Crosin im Jura, wo die BKW ihr Know How aufbaut und weiterentwickelt, das sie im internationalen Geschäft braucht. Auch im Wind spielen die Dienstleistungen eine immer grössere Rolle. Die BKW kann dadurch, dass sie erfahren und vertikal integriert ist (von der Projektierung über den Bau, Betrieb und Unterhalt bis hin zum Handel mit dem Strom) , ihren aktuellen und zukünftigen Kunden exklusive Mehrwerte bieten. Dass die Windenergie viel erreichen kann, sehen wir in Deutschland mit 15% Windanteil im Strommix. Dass sie es in der Schweiz nicht so leicht hat, gründet in unserer Topographie aber auch in der Siedlungsstruktur und dem Gesellschaftsgefüge. Manche Standorte würden sich aufgrund des Windaufkommens eignen, müssen aber aus landschaftlichen oder ornithologischen Gründen geschützt werden, andere Standorte können ausgezont werden, ergeben aber aufgrund ihrer topographischen Lage keine genügenden Ertragsaussichten für den Betreiber. Hier sind wir wieder beim Ineinandergreifen von Technik, Gesellschaft, Politik und Geografie, also genau da wo die Energiewende stattfindet. Es bleibt spannend.

 Martin Bolliger, Project Manager BKW Technology Center

Martin Bolliger

Martin Bolliger

Martin Bolliger ist Projektmanager im BKW Technology Center und befasst sich dort mit verschiedenen Aspekten der Energiezukunft. Seine Schwerpunktthemen sind Solarenergie, Speicher und Elektromobilität. Er fährt seit 20 Jahren mit Elektroautos und Velos mit Stromunterstützung.