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Im kurzfristigen Börsenhandel wird der Strom entweder kontinuierlich oder auktioniert gehandelt. Vorteil des kontinuierlichen Handels ist, dass Informationen sehr schnell in die Preisbildung einfliessen können. Auktionen können dies nicht leisten, jedoch ist ihr Vorteil, dass sie zu fairen und effizienten Marktpreisen führen. Ein hybrides Marktmodell könnte beide Vorteile in sich vereinen.

Der kurzfristige Stromhandel

Im kurzfristigen Spothandel von elektrischem Strom unterscheidet man zwischen dem Day-ahead-Handel und dem Intraday-Handel. Im ersten Fall wird elektrische Energie, die am folgenden Tag, dem Liefertag, produziert, respektive verbraucht werden soll, am aktuellen Tag, dem Trading Day, gehandelt. Es können Kontrakte für die einzelnen Stunden des Liefertags, wie auch Block Orders mit mehreren Stunden zusammen, gehandelt werden. Im Intraday-Handel rücken wir zeitlich noch näher an den Ausgleich von Produktion und Verbrauch heran. Hier werden nebst den genannten Kontrakten auch Viertelstundenkontrakte innerhalb des Liefertags gehandelt. Der Trading Day rutscht nun sukzessive in den Liefertag hinein und so kann die geplante Produktion besser an den geplanten Verbrauch angepasst werden als dies day-ahead noch möglich war.

Auktionshandel day-ahead

Für den Day-ahead-Handel an der Spotbörse EPEX wird im deutschen Markt das sog. Auktionsverfahren angewendet. Die Marktteilnehmer stellen während der Nominierungsphase ihre Kauf- und Verkaufangebote, Market Orders genannt, verdeckt an die Börse. Per Handelsschluss ermittelt diese dann den Gleichgewichtspreis, zu dem das höchste Kaufgebot und das tiefste Verkaufsgebot, die sich treffen, den Markt räumen. In der Handelssprache heissen die Kaufangebote Bid und die Verkaufsangebote Offer/Ask.

Sobald die Börse um 8 Uhr den Auktionshandel startet, geben die Marktteilnehmer ihre Bids und Offers ins Handelssystem ein. Weil es eine sogenannte geschlossene oder verdeckte Auktion ist, weiss kein Marktteilnehmer, welche Mengen und Preise die Anderen bieten. Diese Art des Ausgleichs von Angebot und Nachfrage führt zu einem fairen und effizienten Preis: Er bildet so die aggregierte Zahlungsbereitschaft aller Marktteilnehmer ab und führt zu einem wohlfahrtsmaximierenden Ergebnis. Das heisst, dass jeder Teilnehmer denjenigen Preis signalisiert, zu dem er unter allen gegenwärtig verfügbaren Informationen sein Portfolio optimieren kann.

Um 12 Uhr mittags schliesst das Zeitfenster für die Nominationen und die Börse ermittelt aus sämtlichen eingegangenen Market Orders den Market Clearing Preis für jeden einzelnen Stundenkontrakt und die Block Orders. Diese Art des Handels ermöglicht den Marktteilnehmern, ihr Produktions- oder Absatzportfolio schon frühzeitig optimal auf das erwartete Angebot respektive die Nachfrage des Liefertags anzupassen. Für jedes zustande gekommene Handelsgeschäft muss zudem die notwendige Übertragungskapazität zugeteilt werden. Ein weiterer Vorteil des Auktionsverfahrens ist, dass diese Kapazitätsallokation optimal möglich ist, da die Mengen bei Handelsschluss bekannt sind.

Als Nachteil erweist sich, dass die Marktteilnehmer nicht jederzeit auf neu eintretende Ereignisse wie zum Beispiel Kraftwerksausfälle reagieren können. Denn: alles was nach der Nominierungsphase passiert, wird nicht mehr berücksichtigt. Zudem gehen diejenigen Marktteilnehmer leer aus, deren Market Orders nicht berücksichtigt werden, weil sie ausserhalb des Market Clearing Preises geboten haben.

Kontinuierlicher Handel intraday

Intraday verläuft der EPEX-Stromhandel hauptsächlich kontinuierlich ab: hier stellen die Marktteilnehmer ihre Market Orders für Stunden- und Viertelstundenlieferungen sowie Block Orders fortlaufend an die Börse. Sobald ein Bidpreis mit einem Askpreis übereinstimmen ist das Geschäft zustande gekommen, ohne dass der Handelsschluss abgewartet werden muss. Dieser erfolgt erst 30 Minuten vor der Erfüllung, also der physischen Lieferung des Stroms, was den Vorteil gegenüber Auktionen hat, dass die Marktteilnehmer bis zum letzten Moment vor der Lieferung schnell auf neue Informationen reagieren können. Um 15 Uhr wird der Handel auf Stundenbasis und um 16 Uhr auf Viertelstundenbasis eröffnet.

Nachteil ist, dass die Kapazitätsallokation weniger effizient erfolgt als bei der Auktion. Die Schwierigkeit liegt beim kontinuierlichen Verfahren in der Festlegung eines fairen Preises für die knappe Kapazität. Anders als beim Auktionsverfahren sind keine im Voraus nominierten Market Orders bekannt, auf deren Basis die benötigte Kapazität berechnet und zugeteilt werden kann. Beim kontinuierlichen Handel gilt daher das Prinzip «first come first serve», mit dem derjenige Trade belohnt wird, der am schnellsten erfolgt und nicht zwingend der effizienteste ist. Der Wert der Knappheit der Übertragungskapazität fällt damit dem Händler und nicht dem Konsumenten in Form fair bewerteter Netzentgelte zu.

Daneben gibt es eine Intraday-Auktion, über die ausschliesslich einzelne Viertelstundenprodukte gehandelt werden, welche so die Day-ahead-Auktion ergänzt. Bild-1 zeigt den zeitlichen Ablauf des heutigen kurzfristigen Stromhandels an der EPEX für den deutschen Markt

Das hybride Marktmodell

Auktion und kontinuierlicher Handel werden heute getrennt, mit den genannten Vor- und Nachteilen angewendet. Die neue Richtlinie der EU-Kommission, welche die europäischen Strommärkte regeln soll, schlägt nun vor, beide Konzepte zusammenzuführen. So kann künftig im Intraday-Handel das kontinuierliche Verfahren angewendet werden, das um stündlich stattfindende Auktionen ergänzt wird.

Bild-2 zeigt den hybriden Handel im zeitlichen Ablauf: Der primär laufende kontinuierliche Handel wird neu im stündlichen Abstand kurz unterbrochen, damit eine kurzfristige Auktion stattfinden kann. Dieses hybride Modell könnte nun die genannten Vorteile verbinden und die Nachteile eliminieren. Der Ansatz trägt insbesondere den Umständen im grenzüberschreitenden Handel Rechnung, dass die einzelnen Märkte unterschiedliche Zeiten für die Nominationen haben. Damit könnten die Marktteilnehmer auf diese Zeitfenster besser angepasste Market Orders platzieren.

Reto Christoffel-Totzke

Reto Christoffel-Totzke

Der Analyst Trading & Origination ist verantwortlich für die quantitative wie auch qualitative Analyse der wichtigsten Strom- und Commoditymärkte sowie die statistische Datenanalyse und Modellierung von Spot- und Terminmärkten.