Artikel teilen auf

Mehr als die Hälfte der produzierten Strommenge in der Schweiz stammt aus der Wasserkraft. Als erneuerbare, CO2-neutrale und einheimische Energiequelle ist sie ein Eckpfeiler der Energiestrategie 2050 des Bundes. Welche Hürden die Neubauprojekte der BKW trotz Rückhalt aus der Politik nehmen müssen und welches Potenzial in den Schweizer Gewässern noch steckt, erklärt Andreas Stettler im Interview. Der studierte Ingenieur leitet seit acht Jahren die Geschäftseinheit Hydraulische Kraftwerke bei der BKW.

Andreas Stettler, Leiter Hydraulische Kraftwerke bei der BKW

Die Wasserkraft hat bei der BKW eine lange Tradition. Nun lässt sich aktuell mit dem produzierten Strom praktisch kein Geld mehr verdienen. Ist unter diesen Umständen die Zukunft der Wasserkraft generell gefährdet?

Das denke ich nicht. Es gibt wohl kaum eine Form der Energiegewinnung, die so nachhaltig, effizient und umweltfreundlich ist. Sowohl der Bund als auch die Kantone setzen auf die Wasserkraft, und die Signale aus der Politik waren zuletzt positiv. So verspüren wir im Kanton Bern einen grossen Rückhalt. Demnächst diskutiert der Grossrat, ob der Kanton die Wasserzinsen für Neubauprojekte reduzieren oder für eine bestimmte Zeit gar ganz aussetzen soll.

Mit welchem Ergebnis für die BKW, sollte es soweit kommen?

Wir oder die KWO, an denen wir zu 50 Prozent beteiligt sind, könnten ein paar Projekte aus der Schublade ziehen und deren Wirtschaftlichkeit neu beurteilen. Rechnet man die geplanten Investitionsbeiträge des Bundes für Neubauprojekte mit ein, könnten wir diese wahrscheinlich bauen und wirtschaftlich betreiben.

«Wir suchen in der ganzen Schweiz nach weiteren geeigneten Standorten.»

Welches Projekt würden Sie gerne als Erstes aus der Schublade nehmen?

Einen klaren Favoriten – auch für den Kanton Bern – gibt es: das Projekt Trift der KWO. Der Triftsee ist erst in den letzten Jahrzehnten aufgrund der Gletscherschmelze entstanden. Eine Talsperre macht ihn faktisch zu einem natürlichen Stausee. Das Potenzial zur Energiegewinnung ist hier besonders hoch.

Warum konnte dieses Projekt bisher nicht realisiert werden, während die BKW aktuell mehrere Kleinwasserkraftwerke baut oder bereits in Betrieb genommen hat?

Weil die installierte Leistung zu gross wäre, so paradox das auch klingt. Kraftwerke bis zu einer Leistung von maximal 10 Megawatt laufen im regulierten Bereich. Das heisst, der Bund garantiert den Produzenten von erneuerbarem Strom einen Preis, der den Produktionskosten entspricht. Und es stimmt, in diesem Jahr nimmt die BKW gleich vier Wasserkraftwerke in Betrieb, die allesamt in diesem regulierten Bereich sind: eines in Graubünden und drei im Kanton Bern.

Weshalb eigentlich die Konzentration auf den Kanton Bern?

Natürlich möchten wir zunächst einmal das vorhandene Potenzial in unserem eigenen Versorgungsgebiet gut nutzen. Da wir die Kraftwerke nicht nur bauen, sondern auch betreiben wollen, ist die geografische Nähe ein Vorteil. So können wir den Betrieb und Unterhalt mit weniger Personal sicherstellen. Trotzdem suchen wir in der ganzen Schweiz nach weiteren geeigneten Standorten.

Wie viele solche Standorte haben Sie identifiziert?

Aktuell haben wir rund zwei Dutzend weitere Projekte in der Hinterhand. Einige sind schon sehr konkret, andere kaum mehr als Ideenskizzen.

«Ich nehme immer wieder erstaunt zur Kenntnis, dass uns dieselben Kreise manchmal unterstützen, öfter aber auch bekämpfen.»

Wo liegen, neben der Wirtschaftlichkeit, die weiteren Herausforderungen beim Bau eines neuen Wasserkraftwerks?

Es braucht sehr viel Geduld. In den letzten Jahren ist der Weg bis zum Erhalt einer Konzession oder einer Baubewilligung steiniger geworden. Alles dauert länger, und es gibt immer mehr Auflagen. Ausserdem reden zahlreiche Interessensgruppen wie Umwelt- oder Fischereiverbände mit, nicht nur die Behörden.

Sollten Umweltverbände nicht grundsätzlich für eine saubere Energieerzeugung wie die Wasserkraft sein?

Ich will es einmal so ausdrücken: Ich nehme immer wieder erstaunt zur Kenntnis, dass uns dieselben Kreise manchmal unterstützen, öfter aber auch bekämpfen.

Wie gehen Sie damit um?

Indem wir ständig den Dialog aufrechterhalten – mit allen Interessensgruppen. Das ist für den Erfolg eines Projektes wichtig. Es liegt an uns aufzuzeigen, dass der Nutzen überwiegt. Wir sind auch bereit, Kompromisse einzugehen, sofern die Wirtschaftlichkeit dann immer noch gegeben ist. Werden wir mit den Interessensgruppen nicht einig, bleibt manchmal leider nur der Gang vors Gericht.

«Man konnte sich damals schlicht nicht vorstellen, dass die produzierte Strommenge überhaupt je gebraucht werden könnte!»

Gerade auch unter diesem Aspekt – wie gross ist das Potenzial für die Wasserkraft in der Schweiz heute noch?

Natürlich sind die besten Standorte schon seit Jahrzehnten belegt. Es gibt nicht unendlich viele Orte, an denen sich ein Wasserkraftwerk sinnvoll bauen lässt, und es sind gute Gründe, wieso dieser oder jener Ort noch nie berücksichtigt wurde. Das Bundesamt für Energie kam 2012 in einer Studie zum Ausbaupotenzial der Wasserkraft in der Schweiz zum Schluss, dass ein Zuwachs um 2-3 TWh an der jährlichen Gesamtproduktion möglich ist. Diese beträgt derzeit rund 35 TWh pro Jahr.

Einige Wasserkraftwerke sind mehr als 100 Jahre alt. Ist das Potenzial da vollständig ausgeschöpft?

Mehrheitlich, ja. Es gibt Kraftwerke, bei denen die Produktion gesteigert werden kann, sei es durch Erneuerungen oder gar mit einem Neubau. Im vergangenen Jahr haben wir zum Beispiel das neue Wasserkraftwerk Hagneck am Bielersee in Betrieb genommen. Es liefert 40 Prozent mehr Strom als das alte Kraftwerk. Dieses wurde wie einige andere zu Beginn des 20. Jahrhunderts kleiner dimensioniert, als es vom Potenzial her möglich gewesen wäre. Man konnte sich damals schlicht nicht vorstellen, dass die produzierte Strommenge überhaupt je gebraucht werden könnte!

Daniel Stegmann

Daniel Stegmann

Projektleiter Kommunikation bei der BKW