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Mit «Blackout – Morgen ist es zu spät» hatte er seinen grossen literarischen Durchbruch. Marc Elsbergs Szenario eines europaweiten Stromausfalls, ausgelöst durch einen Hackerangriff, hat im Jahr 2012 einen Nerv getroffen. Der Autor gilt mittlerweile als Experte für Energie- und Sicherheitsthemen. Beim diesjährigen BKW Businesstalk zum Thema Versorgungssicherheit berichtete er als Gastredner von seinen Erkenntnissen und Erfahrungen mit der potenziellen Gefahr eines grossflächigen Blackouts.

Im Interview vor seinem Auftritt zeigt sich Marc Elsberg ausgesprochen gelassen und routiniert. Dabei geht es bei ihm eigentlich wieder rund seit der Veröffentlichung seines neusten Thrillers «HELIX. Sie werden uns ersetzen».

Herr Elsberg, Sie haben vor Kurzem ein neues Buch veröffentlicht – «Helix. Sie werden uns ersetzen». Es ist Ihr dritter Thriller nach «Zero» im Jahr 2014 und Ihrem literarischen Durchbruch «Blackout» im Jahr 2012. Worum geht es bei «Helix»?

In Helix geht’s auch wieder um eine technische Entwicklung in unserer Gesellschaft, die eine heimliche Revolution erfährt, nämlich die Gentechnik. Somit passt das Thema ganz gut als Anschluss an Blackout und Zero.

«Das ist der erste Schritt zum Designerbaby. Und das wäre in der Menschheitsgeschichte ohne Vergleich.»

Die Entschlüsselung des Genoms, die Fortschritte beim Sammeln und Analysieren gewaltiger Datenmassen über Verhalten und Gesundheit oder die Gen-Editierungsmethode CRISPR/Cas9, die vor 5 Jahren entwickelt worden ist und ein sehr genaues Editieren von Genomen ermöglicht, haben geradezu ein Goldgräbertum in der Wirtschaft ausgelöst, die einen neuen Markt riecht.

Wieso ausgerechnet die Genforschung?

Weil es eine heimliche Revolution ist, die noch kaum wahrgenommen wurde. Erst seit kurzer Zeit ist das Thema in den Medien etwas vermehrter aufgetaucht. Beispielsweise hat letztes Jahr ein chinesisches Team für Schlagzeilen gesorgt, als es mit der neuen Methode versucht hat, in der befruchteten Eizelle HIV-Resistenzen einzubauen. Und das ist erst der Anfang, ich bin sicher, man wird in den nächsten Monaten und Jahren weitere solche Geschichten hören. Das ist der erste Schritt zum Designerbaby. Und das wäre in der Menschheitsgeschichte ohne Vergleich.

Schon in Ihrem Roman «Zero» haben Sie sich gesellschaftskritisch gezeigt und das Thema Privatsphäre, Datensicherheit und den sogenannten «gläsernen Menschen» aufgegriffen. Es geht dort darum, wie der Privatmensch im digitalen Zeitalter ausgeliefert ist.

Was ich kritisiere sind bedenkenswerte Entwicklungen, die durch die neuen Technologien möglich werden. Was ich nicht kritisiere sind die Technologien selbst oder der Fortschritt der damit einher geht. Wenn man zum Beispiel «Zero» nimmt: Ende der 80er Anfang 90er Jahre kam das Internet und brachte grosse Hoffnungen mit sich: Demokratisierung, Kommunikation und Wissen für alle. Doch es schürte auch Zweifel und Ängste in Bezug auf Überwachung und dergleichen.

«Um Gottes Willen, ich will nicht die Zeit zurück drehen und all die positiven Fortschritte, wie beispielsweise in der Medizin, missen.»

Und jetzt, 20 Jahre später, sehen wir, dass viele Befürchtungen eingetreten sind. Mit «Zero» habe ich auf die negativen Aspekte hingewiesen. Doch auch im Roman lernen die Figuren mit den Technologien umzugehen. Sie versuchen konstruktiv die Erkenntnisse zum Guten zu wenden. Ich bin bestimmt kein Gegner des Fortschritts. Ich glaube nicht, dass wir den Fortschritt aufhalten sollten. Im Gegenteil! Ich bin der Meinung, dass wir in Europa oft eine zu technologiefeindliche Einstellung haben. Aber wir müssen den Fortschritt mitgestalten, statt uns überrollen zu lassen.

Dennoch zeugen Ihre Bücher von einer gesellschaftskritischen Haltung, wie in «Blackout».

«Blackout» zeigt, was wir zu verlieren haben. Doch das musste erst einmal geschaffen werden. Das verdanken wir alles den Technologien und kulturell-politischen Errungenschaften, die wir uns über die letzten Jahrhunderte erarbeitet haben. Dennoch wollte ich darauf hinweisen, dass wir trotz des grossen Fortschritts insbesondere in den letzten Jahrzehnten versäumt haben, Resilienzen in unser System einzubauen. Darauf macht die Geschichte aufmerksam. Aber um Gottes Willen, ich will nicht die Zeit zurück drehen und all die positiven Fortschritte, wie beispielsweise in der Medizin, missen.

Der Thriller «Blackout» schlug ein wie eine Bombe. Das Thema hat den Nerv der Zeit getroffen. Und noch heute ist das Interesse nicht abgeflacht. Welche Erfahrungen haben Sie seit der Veröffentlichung des Romans gemacht?

Ich habe bereits 2008 mit der Recherche zu «Blackout» begonnen. Damals war noch gar kein Bewusstsein für das Thema vorhanden. Vor allem nicht bei der breiten Bevölkerung, aber auch nicht bei vielen Verantwortlichen.

«Das Buch gehört mittlerweile sogar zur Standardlektüre in vielen Unternehmen und Institutionen.»

Dann mit Fukushima 2011 und der Energiewende kam der Wandel: Das Thema wurde hochaktuell, man interessierte sich plötzlich. Die Diskussion durch die Energiewende vorangetrieben und mit der Koppelung an andere Ereignisse wie Angriffe auf andere Infrastrukturen, blieb das Thema immer noch in den Köpfen der Menschen. Die Angreifbarkeit der Systeme wurde den Menschen vor Augen gehalten. Das Buch gehört mittlerweile sogar zur Standardlektüre in vielen Unternehmen und Institutionen.

Wie reagieren die Menschen auf die Gefahr eines tragischen Stromausfalls, wie Sie ihn beschreiben? Fühlt man sich sicher?

Ich glaube wir haben momentan in unserer Gesellschaft generell ein grosses Verunsicherungsgefühl, unter anderem weil fast jeden Tag neue Nachrichten kommen über die Angreifbarkeit von diesem oder jenem Sektor. Das schürt natürlich Angst. Ob wegen Cyberangriffen oder Sonstigem. Diese Ereignisse helfen natürlich nicht, um mehr Sicherheitsgefühl zu verbreiten.

Blackout ist ein Thriller und muss damit per Definition schon dramatisch sein. Doch wie sehen Sie persönlich das Ganze? Haben Sie Vertrauen oder glauben Sie, dass unser System tatsächlich derart angreifbar ist?

Es gibt x Möglichkeiten unsere Infrastrukturen anzugreifen. Durch die enge Vermaschung der Systeme kann sogar ein kleiner Angriff zu grossen Störungen führen. Diese Gefahr ist definitiv gegeben. Es geht aber nicht nur um die Angreifbarkeit der Energiestruktur.

«Ich höre immer öfter, dass es keine Frage des Ob ist, sondern eine Frage des Wann.»

Es geht bei «Blackout» um die Vernetzung in unserer Welt. Diese Thematik hätte man auch anhand anderer Systeme aufzeigen können, wie der Finanz- oder Kommunikationssysteme. Denn all diese Systeme sind derart eng miteinander verbandelt, dass es leicht zu Dominoeffekten kommen kann.

Wenn Sie wie heute vor Fachleuten aus der Energiebranche sprechen, was erleben Sie dabei?

Ich habe mit «Blackout» ein Gesamtbild gemalt, das vor mir noch niemand so gezeigt hat. Dafür erfahre ich sehr viel Respekt aus der Branche. Die Energiebranche muss sich unweigerlich mit der Thematik der Versorgungssicherheit befassen und Blackout hat in dieser Hinsicht ein detailliertes Szenario gezeichnet. Ich höre immer öfter, dass es keine Frage des Ob ist, sondern eine Frage des Wann.

Welche Rolle spielt dabei der Wandel Richtung Erneuerbaren Energien?

Das kommt drauf an, wie man diese Transformation gestaltet. Das sieht man gut am Beispiel Deutschlands. Man schaltet sukzessive ab, hat das aber nicht ideal gemanagt.

«Langfristig, glaube ich, können uns die Erneuerbaren helfen, solange der Übergang klug gemacht wird.»

Die Erneuerbaren sind an so einer Krise nicht Schuld, Schuld ist lediglich ein schlechtes Management des Übergangs. Langfristig können uns die Erneuerbaren helfen, solange der Übergang klug gemacht wird.

Wie geht es weiter bei Ihnen? Was darf man als nächstes erwarten?

Zunächst folgt eine kleine Tour mit Helix. Doch die meisten Auftritte sind schon durch. Ansonsten beginne ich schon bald damit, mich auf etwas Neues zu konzentrieren.

Welches Thema schwebt Ihnen denn vor?

Das weiss ich noch nicht ganz genau, beziehungsweise gibt’s da mehrere. Doch die will ich noch nicht verraten. Nur so viel: Es wird wahrscheinlich kein historischer Liebesroman.

Ein Schmunzeln bleibt auf seinem Gesicht zurück. Natürlich will er sein nächstes Thriller-Thema noch nicht verraten. Dennoch wirkt er fast schon kribbelig, beinahe so als würde es ihm schon unter den Nägeln brennen, wieder in die Tasten zu hauen.

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Ivana Jazo

Ivana Jazo

Redaktorin Digital Communications bei der BKW