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Elektromobilität ist die Zukunft. Trotz starken Wachstumsraten ist sie aber noch immer eine Randerscheinung. Die nächste Generation von Elektroautos steht jedoch bereit und die Produktion startet mit dem Chevy Bolt bereits 2016. Der kürzlich vorgestellte Tesla Model 3 und Chevy Bolt werden die ersten Vertreter einer neuen Spezies sein. Sie heben sich durch einige wesentliche Eigenschaften von der aktuellen Generation Elektroautos ab.

Wer sich bisher für Elektroautos interessierte, musste sich mit Kompromissen zufrieden geben: Die günstigeren Modelle haben knapp 100 Kilometer Alltagsreichweite geschafft, was für viele Interessenten zu wenig Reserven bedeutet. Die Plug-in Hybride fahren zwar mit leeren Batterien weiter, jedoch mit Benzin oder Diesel. Wer rein elektrisch fahren und trotzdem keine Reichweitenangst haben wollte, war auf die Limousinen von Tesla Motors angewiesen, mit 4×4 und 400 PS, Autopilot und Supercharger dafür zu Preisen ab 70’000 Franken. Dass Limousinen zwar Traumautos sind aber sowohl für die mittelständische Familie wie für die KMU – Flotte etwas zu viel des Guten sind, ist bitter aber real. Im entsprechenden Marktsegment ist der Tesla Model S bereits heute erfolgreicher als die konventionellen Autos wie Mercedes S Klasse oder Audi A7.

Was die Elektromobilität 2.0 neu definiert

Die Elektromobilität 2.0 geht einen Schritt weiter. Dank wesentlichen Entwicklungen im Batteriebereich sowie der Industrialisierung der gesamten Wertschöpfungskette, kann eine neue Generation Elektroautos lanciert werden. Sie orientiert sich an den Leistungsdaten der Tesla Limousinen und erreicht preislich gleichzeitig das Mittelklassesegment. Die Vorteile sprechen für sich:

  1. Freiheit: Elektromobilität 2.0 bedeutet genügend Reichweite für eine normale Woche, Tagesdistanzen sind problemlos zu schaffen. Auch für ungeplante Umwege oder Notfälle stehen die gewünschten Reserven zur Verfügung. Die Batteriekapazität liegt bei 60 kWh, die neue Alltagsreichweite bei 300 Kilometern oder 200 Meilen. Laden kann man trotzdem nachts in der Einstellhalle oder täglich an der Solaranlage, so oft man will. Für die überschüssige Batteriekapazität findet sich auch ausserhalb des Autos Verwendung. Die Grundlage dafür, dass in der Generation 2.0 «zu viel» Batteriekapazität vorhanden sein darf, sind die rapide gesunkenen Batteriepreise. Deshalb stehen sich Komfort und Wirtschaftlichkeit nicht mehr im Wege.
  1. Erschwinglichkeit: Elektroautos der Generation 2.0 kosten gleich viel wie ihre konventionellen Gegenüber. Dank stabilem Markt, Investitionen in neue Fabriken und steigender Verkaufszahlen konnten die Produktionsmengen in industrielle Grössenordnungen gesteigert werden. Die Skalierungseffekte erlauben es den Autoherstellern wie auch der gesamten Lieferkette Preisparität mit konventionellen Autos herzustellen. Politische Rahmenbedingungen in verschiedenen Märkten haben das stabile Wachstum gefördert und das Vertrauen der Kunden und der Industrie gestärkt.
  2. Auswahl: Bis 2020 werden die meisten grossen Autohersteller Elektroautos präsentieren, welche die 200 Meilen Grenze durchbrechen, sodass ein Massenmarkt für Autos mit Steckdose entstehen kann. Mit dem Vorpreschen von General Motors (Chevy Bolt ab 2016) und Tesla (Model 3 ab 2017) wird die Branche erwachen und die übrigen Hersteller ebenfalls mit attraktiven Produkten nachziehen.

Die Messlatte ist gesetzt, der Wettkampf kann beginnen. Die fast 400’000 Reservationen für den 2017 erscheinenden Tesla Model 3 lassen erahnen, wie sich die Nachfrage und das Marktwachstum entwickeln werden.

Die Vorreiter der nächsten Generation Elektroautos unter der Lupe

Erste Produkte der Elektromobilität 2.0 sind bereits angekündigt. Hier eine kleine Zusammenstellung dessen, was auf den Markt kommen wird.

Chevy Bolt EV bzw. Opel Ampera E

Chevy Bolt / Opel Ampera-E: Elektromobilität 2.0 beginnt 2016 mit zurückhaltender Optik und einem Quantensprung in Preis und Reichweite. Bildquelle Opel
Chevy Bolt / Opel Ampera-E: Elektromobilität 2.0 beginnt 2016 mit zurückhaltender Optik und einem Quantensprung in Preis und Reichweite. Bildquelle Opel

Die Präsentation des Chevy Bolt anfangs Jahr in Las Vegas wurde in Fachkreisen sehr positiv aufgenommen. Die Produktion startet noch in diesem Jahr, ab 2017 soll das Auto in Europa als Opel Ampera-E erhältlich sein. Seit dem EV1 hat General Motors vor allem auf Plug-in Hybride gesetzt. Doch dank der Partnerschaft mit dem Batteriehersteller LG ist es der Firma nun gelungen, neue Massstäbe für reine Elektroautos zu markieren. Die folgenden Daten bestätigen dies:

  • 60 kWh Batteriekapazität
  • Ladeleistung: Onboard 7.2 kW, DC Schnellladung CCS 50 kW
  • Kaufpreis liegt bei ca. 35’000 Franken
  • 200 PS Leistung
  • Von 0 auf 100 Kilometer pro Stunde in 7 Sekunden
  • Markteintritt: USA 2016, Europa 2017 (als Opel Ampera-E)

Damit läutet General Motors die Elektroauto-Generation 2.0 ein – sogar noch vor dem Pionier Tesla.

Tesla Model 3

Bis ins letzte Detail konsequent elektrisch: Tesla Model 3 wird euphorisch erwartet. Bildquelle: Tesla Motors
Bis ins letzte Detail konsequent elektrisch: Tesla Model 3 wird euphorisch erwartet. Bildquelle: Tesla Motors

Tesla hat schon seit mehreren Jahren ein Massenmarkt-taugliches Auto angekündigt und am 1. April 2016 das Model 3 präsentiert. Der Anlass wurde weltweit als Sensation aufgenommen und innerhalb weniger Wochen sind beim Startup aus Kalifornien gegen 400’000 Reservationen (mit je 1’000 US-Dollar Anzahlung) für das neue Auto eingegangen. Dies zeigt, dass viele Kunden elektrisch fahren möchten, sofern es attraktive Fahrzeuge gibt. Ausserdem hat der Newcomer Tesla Motors es geschafft, in kürzester Zeit zum Inbegriff futuristischer Traumautos aufzusteigen. Tesla Model 3 in Zahlen:

  • 65 kWh Batteriekapazität (genaue Angaben noch nicht erhältlich)
  • Ladeleistung: Onboard 22 kW, DC Schnellladung Tesla Supercharger 120 kW
  • Kaufpreis liegt bei ca. 35’000 Franken
  • Von 0 auf 100 Kilometer pro Stunde in 6 Sekunden
  • Markteintritt: USA 2017, Europa 2018

Nachdem der Produktionsstart für Ende 2017 geplant war, hat CEO Elon Musk das Datum inzwischen auf den Sommer vorverschoben und plant bereits für 2018 die Produktion von 500’000 Autos pro Jahr (Model S, X und 3), also zwei Jahre früher als ursprünglich vorgesehen. Dies ist nur möglich, weil der Bau der Gigafactory, einer Tesla-eigenen Fabrik für Lithium-Ionen-Akkumulatoren und Akkupacks, gut vorankommt. Diese weltweit grösste Batteriefabrik wird Modul für Modul aufgebaut und konnte Teile ihres Betriebs schon aufnehmen.

Elektromobilität 1.0 reloaded: Batterieupgrades bei bestehenden Elektroautos

Einige Hersteller von Elektroautos, welche seit 2010 auf den Markt gekommen sind, erhöhen in ihren Autos die Batteriekapazität von ca. 20 kWh in den Bereich von 30 kWh. Die Reichweite wird dadurch merklich grösser, sie macht aber nicht den Quantensprung, welche die Generation 2.0 auszeichnet.

Nissan Leaf

Nissan Leaf: solider Klassiker seit 2010. Bildquelle gas2.org
Nissan Leaf: solider Klassiker seit 2010. Bildquelle gas2.org

Der Leaf ist bisher das meist verkaufte Elektroauto weltweit. Der Fünfplätzer hat vor allem durch eine solide Reichweite und den zurückhaltenden Preis überzeugt. Es wurde erwartet, dass der Hersteller diesen Vorsprung nutzen würde, um auch für die nächste Generation die Nase vorn zu haben. Renault-Nissan CEO Carlos Ghosn hat längst angekündigt, dass die Firma Autos mit mehr als 200 Meilen Reichweite herstellen könnte und möchte. Deshalb war es etwas überraschend, dass er sich von General Motors und Tesla hat überrumpeln lassen. Immerhin wurde 2016 die Batteriekapazität von 24 auf 30 kWh Batteriekapazität erhöht. Für 200 Meilen würde es doppelt so viel brauchen, was mit der nächsten Generation voraussichtlich 2018 der auf den Markt kommen wird.

  • 30 kWh Batteriekapazität
  • Ladeleistung: Onboard 3.6 kW (optional 6.6 kW), DC Schnellladung CHAdeMO 50 kW
  • Kaufpreis liegt bei ca. 30’000 Franken
  • Von 0 auf 100 Kilometer pro Stunde in 11.5 Sekunden

BMW i3

Viel Innovation auf wenig Platz: BMW i3. Bildquelle BMWi.blogspot.ch
Viel Innovation auf wenig Platz: BMW i3. Bildquelle BMWi.blogspot.ch

Der BMW i3 wird als eines der innovativsten Autos auf dem Markt angepriesen. Der Vierplätzer ist durch und durch auf Ökologie und Effizienz getrimmt. Er wurde 2013 von BMW als neuer Imageträger auf den Markt gebracht und hat viele markenfremde Kunden zu BMW geholt. Den tiefen Kaufpreis hat sich die Firma mit einem knapp bemessenen Batteriepaket ermöglicht, das für längere Distanzen mit einem 3-Zylinder Verbrennungsmotor als Range Extender ergänzt werden kann. Auf Mitte 2016 wurde angekündigt, dass die Batteriekapazität um 50% auf 33 kWh gesteigert wird. Der Quantensprung mit über 300 km Reichweite ist für das Ende des Jahrzehnts angekündigt.

  • 33 kWh Batteriekapazität
  • Ladeleistung: Onboard 11 kW, DC Schnellladung CCS 50 kW
  • Kaufpreis liegt bei ca. 35’000 Franken
  • Erhältlich mit 3-Zylinder Range Extender
  • Von 0 auf 100 Kilometer pro Stunde in 7.2 Sekunden

E-Golf

Elektrischer Antrieb in konventionellem Auto: E-Golf. Bildquelle www.caranddriver.com
Elektrischer Antrieb in konventionellem Auto: E-Golf. Bildquelle www.caranddriver.com

er Volkswagenkonzern hat seit dem Dieselskandal seine Elektroauto-Strategie auf rein elektrische Autos fokussiert und will bis Ende des Jahrzehnts die Palette in diesem Bereich stark ausweiten. Er arbeitet an einer neuen Fahrzeugplattform, dem Modularen Elektrifizierungsbaukasten MEB. Ein Batterieupdate für den E-Golf, der bisher auf dem konventionellen modularen Querbaukasten MQB basiert, ist bereits in diesem Jahr angekündigt und bringt die Kapazität auf 35 kWh. Damit ist sie etwa halb so gross wie bei Bolt und Model 3. Die nächste Generation Fahrzeuge wird auf Ende des Jahrzehnts mit dem neuen MEB erwartet.

  • 35 kWh Batteriekapazität
  • Ladeleistung: Onboard 3.6 kW, DC Schnellladung CCS 50 kW
  • Kaufpreis liegt bei ca. 37’000 Franken
  • Von 0 auf 100 Kilometer pro Stunde in 10.4 Sekunden

Die Elektromobilität ist ein wichtiger Pfeiler für die Energiewende. Strom als Treibstoff wird problemlos und effizient aus regionalen erneuerbaren Energien gewonnen, was die Abhängigkeit von fossilen Energieimporten entschärft und die CO2-Bilanz verbessert. Mit den Batterien der Autos wird innert weniger Jahre sehr viel Speicherkapazität in unsere Elektrizitätsnetze kommen, welche die Schwankungen aus der Produktion von Solar- und Windkraftwerken puffern kann. Neue Technologie- und Geschäftsfelder entstehen, welche nicht nur in der Autoindustrie ein Umdenken verlangen. Die BKW befasst sich in verschiedenen Geschäftseinheiten intensiv mit diesen Themen, um den Umbau der Mobilität zu ermöglichen und die Kunden zu unterstützen.

Dank an Fleetcarma, ecomento.tv, gas2.org, motortrend.com, cleantechnica.com und viele mehr für die Hintergründe. Die Preise und technischen Daten können von den Herstellerangaben abweichen.

Martin Bolliger

Martin Bolliger

Martin Bolliger ist Projektmanager im BKW Technology Center und befasst sich dort mit verschiedenen Aspekten der Energiezukunft. Seine Schwerpunktthemen sind Solarenergie, Speicher und Elektromobilität. Er fährt seit 20 Jahren mit Elektroautos und Velos mit Stromunterstützung.