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Die Energiewelt ist komplex: Soll man sich an einem Wärmeverbund beteiligen, eine Fotovoltaikanlage mit Batterielösung installieren oder doch eher auf konventionelle Energieproduktion setzen und die alte Ölheizung amortisieren? Jede Hausherrin beschäftigt sich früher oder später mit der Frage nach der besten Energielösung. Zukunftsgerichtete Gemeinden wollen sie dabei unterstützten. Doch wie? Die Gemeinde Wohlen bei Bern, die Hochschule Luzern (HSLU) und die BKW haben ein Energiekonzept für den Gemeindeteil Uettligen entwickelt, das wegweisend ist – auch für andere Gemeinden.

In der Gemeinde Wohlen bei Bern steht ein Haus aus den 1960er-Jahren, es wird mit Öl beheizt; beim Nachbarhaus wurde vor zwei Jahren eine Fotovoltaikanlage installiert, zudem soll das Schulhaus der Gemeinde in den nächsten Jahren saniert werden und eine neue Heizung bekommen. Wie könnte man ein nutzbringendes Gesamtkonzept zur Energielieferung für alle Parteien gestalten? Welche Energieträger würde man für welchen Haustyp wählen? Und wie kann die Gemeinde langfristig als Energiestadt ihre Ziele erreichen? Gemeinsam haben die drei Partner Hochschule Luzern, die Gemeinde Wohlen und das Energieversorgungsunternehmen BKW eine Studie mit einem zukunftsweisenden Energiekonzept und passenden Geschäftsmodellen entwickelt.

Energieziele der 2000-Watt-Gesellschaft

Langfristig will die Gemeinde die Energieziele der 2000-Watt-Gesellschaft bzw. die Richtwerte des SIA-Effizienzpfades Energie (SIA 2040) erreichen und damit aktiv die Umsetzung der Energiestrategie vorantreiben. Ziel war es, das Energiekonzept für Uettligen, die ausgewählte Pilotregion der Gemeinde Wohlen, sowohl mittelfristig als auch langfristig umsetzbar zu machen. Die Studie liefert aber auch Erkenntnisse für die Anwendung in weiteren Quartieren oder Gemeinden, denn die gewählte Methodik ist leicht verständlich und auf andere Gebiete übertragbar. Thomas Schluck, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der HSLU – Technik und Architektur, erklärt die Anwendbarkeit der Studie: «Die entwickelte Vorgehensweise kann 1:1 auf andere Gemeinden angewendet werden. Damit interessierte Gemeinden von dem gewonnenen Wissen und dem Energiekonzept profitieren, können sie auf die entwickelte Methode zurückgreifen. Eine Gemeinde kann sich dadurch ein ebenfalls massgeschneidertes und ganzheitliches Energiekonzept wie Uettligen schaffen.»

Zukunftsweisendes und ganzheitliches Energiekonzept für Uettligen

Als typisches Schweizer Dorf erfüllt der Gemeindeteil Uettligen in Wohlen die Anforderungen für ein Pilotprojekt optimal. In einem ersten Schritt wurden die Ausgangslage und Ziele definiert und die Berechnungsgrundlagen abgeklärt. Dazu hat die HSLU eine Ist-Zustandsanalyse des Dorfes erstellt. Sie beinhaltet die Siedlungsstruktur, den Gebäudebestand, die Energieversorgung und das Energiepotenzial der lokalen Ressourcen des betrachteten Perimeters. Im zweiten Schritt wurden aus diesen Daten die Gebäudebestandsentwicklung und Energieversorgungsvariante erarbeitet. Abschliessend wurde daraus das innovative, detaillierte Gesamtenergiekonzept (Multi-Utility = Strom, Wärme, Gas) erstellt und mit einem konkreten Vorgehensplan vervollständigt. Das Dorf Uettligen wurde nach der Siedlungs- und Energiedichte (Einwohnerzahl bzw. Kilowattstunde pro Quadratmeter) in drei Zonen (Ortskern, Wohngebiet oder Gewerbegebiet) eingeteilt. Je nach Ortsteil empfiehlt die Studie unterschiedliche erneuerbare Technologien, wie in Abbildung 1 dargestellt: So eignet sich der Ortskern (rot) aufgrund seiner hohen Wärmedichte pro Quadratmeter insbesondere für einen Holzwärmeverbund. Eine weitere Zone – Wohngegend (blau) – eignet sich vor allem für den Einsatz von Wärmepumpen und Fotovoltaikanlagen. Die dritte Zone – einzelne Höfe (braun) – sind mit einer Holzheizung, z. B. mit Pellets oder Hackschnitzel gut beraten.

Abbildung 1: Der Gemeindeteil Uettligen wurde in drei energetische Zonen eingeteilt (Quelle: Abschlussbericht Energie- und Geschäftsmodellkonzept, Oktober 2016)

Der klare, strukturierte Massnahmenplan zeigt für die Gemeinde drei Etappen bis 2050:

  1. Umsetzung des Wärmeverbunds als prioritäre Aktivität (rote Kurve)
  2. Einsatz von Wärmepumpen (blaue Kurve)
  3. Einsatz von Holzheizungen (braune Kurve)

Abbildung 2 zeigt diese drei Etappen sowie die nötige Staffelung des Budgets. Während aller Etappen sollten fortlaufend Sanierungen an der Gebäudehülle durchgeführt und Fotovoltaikanlagen gebaut werden.

Abbildung 2: Etappierung der Umsetzungsmassnahmen und Kosten bis 2050 (Quelle: Abschlussbe-richt Energie- und Geschäftsmodellkonzept, Oktober 2016)

Vorteile und Erfolg durch Zusammenarbeit

Die Konstellation der Partner macht klar den Mehrwert des Projektes aus: Die Hochschule Luzern – Technik & Architektur entwickelt mit ihren Forschenden im SCCER (Swiss Competence Center for Energy Research) neue Lösungen für die Energiewende. Im SCCER «Future Energy Efficient Buildings and Districts» werden urbane dezentrale Energiesysteme, autarke Belichtungssysteme und Energiemanagement für Gebäude erforscht. Damit übernahm die HSLU den Forschungsteil und die Methodik im gemeinsamen Projekt. Die BKW lieferte das nötige praktische Wissen, die Erfahrung im Energiesektor und zugehörige anonymisierte Daten. Die Daten zur Bevölkerungsentwicklung und Siedlungsstruktur hat die Gemeinde bereitgestellt. Durch die Einbindung der verschiedenen Kompetenzen und Bedürfnisse der Stakeholder, insbesondere der Gemeinde und der Bevölkerung, wurde eine erfolgreiche Ausgangssituation für die Studie geschaffen.

Geschäftsmodellintegration durch Gemeindeplattform

Die Studienleiter untersuchten diverse Geschäftsmodelle und deren Integration. Dabei zeigten sich Vorzüge einer Plattform, um Geschäftsmodelle koordiniert zu integrieren. Über diese Gemeindeplattform sind die Gemeindeverwaltung, der Lösungsanbieter, finanzielle Institutionen und die Einwohner miteinander in einer Organisation verbunden, wie in Abbildung 3 dargestellt. Sie soll zur Koordination aller Aktivitäten zur Umsetzung des Energiekonzepts dienen und einen Kontaktpunkt zwischen Lösungsanbietern, Konsumenten, Prosumenten (gleichzeitig Produzenten und Konsumenten) sowie Investoren bieten. Über die Gemeindeplattform können die Einwohnerinnen und Einwohner aktiv an der Energiewende teilnehmen. Sie bietet Informationen zur Umsetzung des empfohlenen Energiekonzeptes und zeigt auf, wie sie dazu beitragen können und welchen Nutzen sie davon haben. «Gute technische Lösungen werden nur dann umgesetzt, wenn alle Beteiligten ihre Interessen anerkannt und berücksichtigt sehen. In der Gemeinde ist die Zahl der Beteiligten hoch und die entsprechenden Interessen sind besonders vielfältig. Dies erfordert mehr als nur einen Vertrag auf Papier, sondern eine aktive Koordination und damit den fortlaufenden Einbezug der Interessen. Diese Vorteile schafft die Gemeindeplattform», erklärt Thomas Schluck.

Gemeindeplattform für die zukünftige Umsetzung der Energieziele. Die drei Partner arbeiten eng zusammen – und unterstützen die Bevölkerung (Quelle: Abschlussbericht Energie- und Geschäftsmodellkonzept, Oktober 2016)

Die BKW evaluiert aktuell konkrete Umsetzungsprojekte und eine Erweiterung ihres Gemeindeangebots, um Gemeinden mit Energiezielen als ganzheitliche Lösungsanbieterin zur Seite zu stehen.

BKW und Gemeinde Wohlen: gemeinsam für eine zukunftsorientierte Energiestrategie

Die zertifizierte Energiestadt Wohlen bei Bern unterstützt die Energiepolitik des Bundes und des Kantons Bern. Gemäss Leitbild der Energiekommission soll beispielsweise der Anteil nicht erneuerbarer Energien bis 2025 um 25 Prozent gegenüber heute gesenkt werden. Die BKW und die Gemeinde Wohlen erforschen und realisieren gemeinsam konkrete Projekte zur nachhaltigen Energienutzung (Strom, Mobilität, Wärme etc.). Im Januar 2015 haben die beiden Partner eine entsprechende Vereinbarung unterschrieben.

Christine Weber

Christine Weber

Christine Weber ist Startup & Innovation Manager und verantwortlich für die Startup-Initiative «Level-up» bei der BKW. Zu ihren Aufgaben gehört das systematische Startup-Scouting und die Realisation von Startup-Kooperationen innerhalb des Konzerns. Des Weiteren leitet sie Projekte zu Geschäftsmodellinnovationen.

  • Ivana Jazo