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Wir beleuchten die Verschiebung in der Merit Order weg von der Kohle, hin zum Gas und erklären, welchen Einfluss die Kohle- und Gaspreise auf die Stromproduktion haben.

Über die letzten Jahre war die Rentabilität von Gaskraftwerken stark angeschlagen, so dass diese Art von Anlagen den Kohlekraftwerken unterlegen war. Dies rührte von den niedrigen Kohle- und CO2-Preisen bei zeitgleich hohen Gaspreisen. So sind die Betriebsstunden der neueren deutschen – aber auch anderen europäischen – Gaskraftwerke von maximal möglichen 8,760 Stunden/Jahr auf 5,600 Stunden in 2013, 2,800 Stunden im 2014 und abermals weniger im Folgejahr gefallen, so beispielsweise die Trianel, Betreiber des Gaskraftwerks Hamm.

Und nun dreht sich das Bild: in Deutschland legte die Gasverstromung im August im Vergleich zum Vorjahr um 86% auf 2.31TWh zu, nachdem die Gewinnmarge für Gaskraftwerke im Peak erstmals seit 2011 wieder über der Marge der Kohleverstromung lag.

Woher der Wandel?

Ob ein Kraftwerk eingesetzt wird, liegt an seiner Rentabilität: Kosten für Rohstoffe und CO2-Rechte müssen vom Strompreis abgezogen werden, daraus errechnet sich der Clean Dark Spread (kurz CDS, die Gewinnmarge von Kohleanlagen) bzw. der Clean Spark Spread (kurz CSS, die Gewinnmarge von Gaskraftwerken). Diese Spreads sind zusätzlich abhängig von der Effizienz eines jeden Kraftwerks sowie von variablen Kosten.

Mit steigenden Kohlepreisen und fallenden Gaspreisen ändert sich auch die Merit Order, also die Einsatzreihenfolge der Kraftwerke. Anhand einer vereinfachten Merit Order lässt sich dies veranschaulichen: der obere Chart zeigt die Merit Order mit Brennstoff- und CO2-Preisen vom 5. Mai 2016, der untere Chart zeigt die Merit Order mit Preisen vom 9. September. Man sieht, wie sich der Einsatz von Steinkohle- und Gaskraftwerken vermischt. Die effizientesten Gaskraftwerke beginnen, die am wenigsten effizienten Kohlekraftwerke zu überholen.

Ein Blick auf die Brennstoffe

Dass die Gaspreise fallen, hat mehrere Gründe. Erstens sind viele Kontrakte Öl-indexiert und die Ölpreise liegen seit Anfang des Jahres auf Rekordtiefs. Die zeitliche Verzögerung der Ölindizes zu Gas beläuft sich in etwa auf 6-9 Monate. Des Weiteren hat sich die Nachfrage für Lagereinspeisungen im Sommer bedeckt gezeigt, weil einerseits Rough – der grösste Gasspeicher in Grossbritannien – ausser Betrieb war und andererseits die Lager in Kontinentaleuropa gut gefüllt sind. Letztlich bringt ein stetiger Fluss von LNG-Tankern nach Nordwesteuropa Druck auf die Preise.

Wie so häufig bei der Kohle treiben Entwicklungen in China den globalen Preis. So hat der Riese des Ostens angeordnet, lokale Überkapazitäten durch Minenschliessungen zu reduzieren. Dies erhöht die Nachfrage des Landes auf globaler Ebene. Weil das Wetter in China aber im Sommer nun ungewöhnlich heiss war, stieg der Stromverbrauch, welcher dann aus Kohlekraftwerken gedeckt werden musste. Zusätzlich hat es viel geregnet, was zu weniger Kohleeigenproduktion geführt hat. Die engere Versorgungslage im Pazifik hat die Preise in unseren Gefilden nach oben gezogen, denn europäische Käufer müssen nun mit den asiatischen um die Kohle konkurrieren.

Wie geht es weiter?

Die oben beschriebene Situation beschreibt die Kurzfrist. Auf mittlere Sicht bleibt die Situation für Gaskraftwerke wohl eine Herausforderung. Denn entlang der Kurve ist Gas im Contango (hellblaue Linie im Chart) und Kohle in Backwardation (hellgrüne Linie). Damit spiegeln die Preise die Erwartung, dass die Überversorgung des Sommers 2016 bei Gas ein kurzlebiges Phänomen war, welches sich in Richtung Winter wieder legen sollte. Die Backwardation bei der Kohle hingegen spiegelt die Erwartung, dass die starke Nachfrage der letzten Monate in naher Zukunft wieder nachlässt.

Aber: die derzeitigen Terminpreise sind zwar die aktuell beste Einschätzung der künftigen Preise, sie sollten aber nicht als Glaskugel gesehen werden. Es kann sich alles ändern. Der Vorhang ist noch nicht gefallen. Es bleibt spannend.

Alexandra Berchtold

Alexandra Berchtold

Die Analystin Handel ist verantwortlich für die qualitative Analyse der wichtigsten Strom- und Brennstoffmärkte, die Berichte und den Fluss der Nachrichten in die relevanten Kanäle innerhalb der BKW.