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Umleiten, graben oder bohren? Diese Frage stellt sich, wenn Kabelleitungen Gewässer, Strassen oder Bahnlinien queren. Im Spannungsfeld von technischen Möglichkeiten, Umweltverträglichkeit und Wirtschaftlichkeit suchen die Ingenieure der BKW die optimale Lösung.

Mittel- und Niederspannungsleitungen im Netz der BKW könnten zukünftig immer mehr in den Boden verlegt, also verkabelt werden. Bereits 87 Prozent der 0,4-Kilovolt-Leitungen im Verteilnetz sind unterirdisch, bei den 16-Kilovolt-Leitungen sind es etwas mehr als die Hälfte. Im Bereich Hochspannung (ab 50 Kilovolt) ist der Aufwand einer Verkabelung um ein Vielfaches höher, weshalb sie selten vorgenommen werden. Der Aufwand für den Bau von Kabelleitungen hängt jedoch nicht nur vom Spannungsbereich und dem damit verbundenen Platzbedarf für die Kabel ab, sondern auch von der Topographie, Geologie und der vorhandenen Infrastruktur, die es zu queren gilt. Statt auf Nebenstrassen und Bäche trifft man im Hochspannungsbereich schnell einmal auf Flüsse, Kantonsstrassen, Autobahnen und Bahnlinien. Wo solche Hindernisse nicht umgangen oder mit einem Graben durchquert werden können, nimmt die BKW Press-, Schlag- oder Spülbohrungen vor.

Maximal ein Millimeter Toleranz

In der Gemeinde Reichenbach zum Beispiel quert die 50kV-Leitung Wimmis-Frutigen die Kantonsstrasse, eine Doppellinie der Bahn (BLS) und den Fluss Kander. Eine Umfahrung dieser Hindernisse ist nicht möglich. Die Platzverhältnisse sind eng, der Spielraum klein. Die Bahnschienen dürfen sich, wenn hier an der Stromleitung gebaut wird, maximal um einen Millimeter, also praktisch nicht, verschieben. Zudem darf der Verkehr auf der Kantonsstrasse und den Bahnlinien nicht behindert werden. «Da kann man aus wirtschaftlichen Gründen keinen offenen Graben für die Kabelrohrblöcke erstellen», sagt Markus Drollinger, Projektleiter Leitungsbau, lakonisch. Eine Schlagbohrung ist unter diesen Umständen wegen der Erschütterungen nicht möglich. Sie kommt auch wegen der engen Platzverhältnisse nicht in Frage, ebenso wenig eine Pressbohrung. Denn für Schlag- und Pressbohrungen müssen beidseits der zu verkabelnden Strecke tiefe Start- und Zielgruben ausgehoben werden, damit auf der vorgegebenen Kabeltiefe gebohrt werden kann. Nicht zuletzt darf der Boden für Press- oder Schlagbohrungen nicht zu felsig sein oder grosse Steinblöcke enthalten. Und so haben sich die Ingenieure und Fachleute letztlich für eine Spülbohrung entschieden.

Pilotbohrung mit «Kartoffelstock»

Das Verfahren der Spülbohrungen stammt aus der Erdölbohrung, nur dass hier horizontal und nicht vertikal vorgegangen wird. Am Anfang der Strecke wird eine kleine Startgrube ausgehoben. Von dort beginnt die  gesteuerte Pilotbohrung. Vorne aus dem Bohrkopf von 120 Millimetern Durchmesser dringt Bentonitspülung zur Kühlung und zum Abtransport vom abgebauten Erdmaterial – daher die Bezeichnung «Spülbohrung». Nach der Pilotbohrung wird der Bohrkanal mit immer grösseren Bohraufsätzen, sogenannten Räumern, ausgeweitet, bis er den nötigen Durchmesser für die jeweiligen Bündel von Kabelschutzrohren erreicht hat. Beim Zurückziehen des Reumers wird jeweils Stützflüssigkeit in das vorhandene Bohrloch gepresst, damit dieser nicht einfällt. «Die ist breiig wie Kartoffelstock», erklärt Drollinger, «und härtet auch nicht aus, damit wir später die Wasserdruckrohre einziehen können, die als Kabelschutzrohre dienen.» Zuletzt werden die Rohrbündel in das ausgeweitete Bohrloch eingezogen. Grundsätzlich lasse sich mit diesem Verfahren alles bohren, so Stefan Blank, Bauleiter Leitungsbau. Am einfachsten sind Bohrungen im Lehm. Auch Kies oder Fels sind unproblematisch, nur bei sehr grossen Steinbrocken kann der Räumer durch den unterschiedlichen Widerstand in eine andere Richtung abgelenkt werden, sodass bei der Pilotbohrung mitunter mehrere Anläufe genommen werden müssen.

Kreislauf für den Bohrschlamm

Wo gebohrt wird, fällt Bohrschlamm an, ein Gemisch aus Bentonit und abgebautem Erdmaterial; jedenfalls im Hochspannungsbereich, wo die Bohrhöhlen für die Kabel relativ gross sind. Dieses wird abgesaugt und auf eine Aufbereitungsanlage bei der Startgrube gefördert. Die Anlage siebt und reinigt den anfallenden Borhschlamm. 90 Prozent vom Bohrschlamm kann wieder für die Aufbereitung von neuer Stützflüssigkeit eingesetzt werden, der Rest wird zum Beispiel als Split für den Strassenbau weiterverwendet. Somit bilden Spülbohrmaschine und Wiederaufbereitungsanlage eine Einheit, die den Kreis schliesst. Die Spülbohrmaschine inklusive Wiederaufbereitungsanlage stammt von der Firma Schenk, die diese Arbeiten im Auftrag der BKW ausführt.

Kaum Landschäden

In der Gemeinde Reichenbach wurden gleich an vier Stellen Spülbohrungen ausgeführt, eine davon führte unter der Kander durch. Die Spülbohrarbeiten konnten Ende Januar 2017 abgeschlossen werden. Spülbohrungen sind kostenintensiv, je nach Auflagen, Geologie und Topographie, können sie sich auszahlen. Wie bei einem chirurgischen Eingriff, bei dem die kleinstmögliche Verletzung der Haut angestrebt wird, kann bei der Spülbohrung die Belastung der Böden auf ein Minimum beschränkt werden. Statt grössere Installationsgruben werden lediglich pro Bohrung eine kleine Startgrube am Anfang und eine kleine Zielgrube am Ende der Bohrstrecke ausgehoben. Ein grosser Vorteil ist zudem, dass keine Unterbrüche des Bahnverkehrs, des Individualverkehrs oder eine Beeinträchtigung des Flussbetts nötig sind.

Christine Klinger

Christine Klinger

Projektleiterin Kommunikation bei der BKW