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Eigentlich war bei der Windturbine V90 von Vestas Schluss. 44 Meter lange Rotorblätter, mehr ging beim Transport durch die engen Schweizer Strassen nicht. Dass die BKW nun doch V112-Modelle mit elf Meter längeren Rotorblättern auf den Mont-Soleil und den Mont-Crosin transportieren kann, liegt an einem Innovationsschub. Diesen hat die BKW – indirekt – ausgelöst. Und in den neuen Rotorblättern steckt noch mehr Innovation: «Schalldämpfer» und eine Heizung.

Die Schweiz ist für grosse Produzenten von Windkraftanlagen wie das dänische Unternehmen Vestas nicht annähernd so interessant wie beispielsweise unsere Nachbarländer Deutschland, Frankreich oder Italien. Primär liegt das natürlich daran, dass hierzulande weit weniger Windparks gebaut werden. Die bescheidene Bilanz der beiden letzten Jahre: null neue Anlagen.

Eine weit weniger bekannte Hürde stellt unsere Strasseninfrastruktur dar. Diese bestimmt im Wesentlichen die maximale Grösse der Turbinen, die für die windbegünstigten Standorte überhaupt in Frage kommen. 2013, beim ersten Repowering, waren es die V90-Modelle von Vestas mit einer installierten Leistung von je 2 MW. Zwölf solche Turbinen drehen seither auf dem Mont-Soleil und dem Mont-Crosin im Wind. Die heute eingesetzten V112-Modelle – respektive ihre 55 Meter langen Rotorblätter – schaffen die engsten Passagen unterwegs nur dank eines speziell für das Repowering entwickelten Hubsystems, einem «Blade-Lifter».

Rotorblatt wird über Häuser gehoben

Das Prinzip dieses Hubsystems ist einfach. Es kommt beim Transport des Rotorblattes immer dann zum Einsatz, wenn die überhängende Blattspitze beim Ausschwenken in einer Kurve keinen Platz mehr hätte. Langsam hebt das hydraulisch angetriebene System das Ende des Rotorblattes in die Höhe – maximal 15 Meter sind möglich –, bis es sich knapp über den Dächern von Ein- oder Zweifamilienhäusern Zentimeter um Zentimeter vorwärts bewegen kann.

Der beim Repowering 2016 eingesetzte «Blade-Lifter» ist ein Prototyp und hat noch keinen eigenen Namen. Entwickelt hat ihn das holländische Unternehmen Broshuis in Zusammenarbeit mit dem deutschen Transport-Unternehmen P.Schwandner Logistik + Transport. Obschon nicht direkt von ihr in Auftrag gegeben, steht die BKW zumindest indirekt am Ursprung dieses Innovationsschubs. Die Betreibergesellschaft JUVENT SA, an der die BKW zu 60 Prozent beteiligt ist, war nicht bereit, die Schweizer Strasseninfrastruktur als dauerhaft limitierenden Faktor für den Standort des JUVENT-Windkraftwerks hinzunehmen. Die vom Hersteller und den Logistikpartnern präsentierte Lösung führt zu einem erfreulichen Resultat: vier Vestas V112 Windturbinen mit einer installierten Leistung von neu je 3.3 MW. Dank des zweiten Repowerings wird sich die Jahresproduktion des Windparks von 50 auf insgesamt 70 GWh steigern.

«Schalldämpfer» und Rotorblattheizung

Auch die Rotorblätter selbst warten mit einer Reihe von Neuerungen auf. An der Blatthinterkante sind auf einer Länge von rund 20 Metern Zacken angebracht. Diese haben keinen leistungsmindernden aerodynamischen Einfluss, führen aber zu einer Reduktion der Lärmemission. Diese «Schalldämpfer» helfen, den Geräuschpegel in der nahen Umgebung des Kraftwerks weiter zu reduzieren.

Ganz auf Leistung getrimmt ist hingegen die eingebaute Rotorblattheizung. Die drei Rotorblätter sorgen dafür, dass die Kraft des Windes in elektrische Energie umgewandelt werden kann und sind naturgemäss Wind und Wetter am stärksten ausgesetzt. Ein nicht zu vernachlässigendes Problem im produktionsreichen Winter: Schnee und Eis. Schon eine sehr dünne Eisschicht auf dem Rotorblatt führt zu erheblichen Veränderungen in der Aerodynamik und wirkt sich negativ auf die Leistung aus. Die automatisch gesteuerte Heizung soll vermeiden, dass die auf rund 1250 m.ü.M. gelegenen Turbinen trotz guten Windverhältnissen aufgrund von Vereisung während mehrerer Tage still stehen.

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Daniel Stegmann

Daniel Stegmann

Projektleiter Kommunikation bei der BKW