Artikel teilen auf

Wie muss man sich die Revitalisierung eines Gewässers vorstellen? Richtet das die Natur von alleine? Wo greift der Mensch wie ein? Und in welchem Umfang profitieren Flora und Fauna davon? Im Interview bringt der Präsident des BKW Ökofonds, Daniel Marbacher, anhand des Projekts Bumisey in der Gemeinde Boltigen Licht ins Dunkel.

Erzählen Sie uns kurz etwas zum Projekt in Boltigen

Gerne. Der BKW Ökofonds realisiert zusammen mit der Schwellenkorporation Boltigen auf deren Gemeindegebiet, genau gesagt in der Bumisey, ein umfangreiches Revitalisierungsprojekt. Die Simme wird dort auf einem über 300 Meter langen Abschnitt gewässerökologisch aufgewertet und erhält mehr Platz. Die Entstehung von neuem Auen- und Amphibienlebensraum ist ein weiterer Fokus unseres Projekts.

 

«Das Projekt geht weit über die geforderten Ersatzmassnahmen hinaus.»

 

Weshalb gerade dort?

Einen Teil dieser Arbeiten leisten wir als sogenannte ökologische Ersatzmassnahme im Rahmen der Konzessionen für die beiden BKW Kleinwasserkraftwerke Laubegg und Fermelbach, welche in diesem Jahr in Betrieb gingen. Gemäss Bundesgesetz über den Natur- und Heimatschutz sind wir verpflichtet, Eingriffe in die Natur mit angemessenem Ersatz zu kompensieren. Wir setzen diese ökologischen Ersatzmassnahmen am Ort des Geschehens um, also in der Nähe der beiden Kraftwerke. Dort, wo der Natur Raum genommen wurde, geben wir ihr diesen wieder zurück. Das Projekt geht jedoch weit über die geforderten Ersatzmassnahmen hinaus.

Was ist unter einer Gewässerrevitalisierung zu verstehen?

Mit einer Revitalisierung soll wieder ein möglichst naturnaher Lebensraum für die Tier- und Pflanzenwelt geschaffen werden. Damit dies möglich ist, muss den heute oft stark verbauten Gewässern wieder mehr Platz gegeben werden.

 

«Ganz ohne menschliche und maschinelle Mithilfe kann’s die Natur nicht richten.»

 

Fahren dazu Bagger auf oder richtet das die Natur in Eigenregie?

Ganz ohne menschliche und maschinelle Mithilfe kann’s die Natur nicht richten. Aber natürlich wird darauf geachtet, dass die notwendigen Eingriffe ins Ökosystem schonend erfolgen. In Boltigen wird der bestehende Uferschutz, der aus grossen Steinblöcken besteht, am rechten Simmeufer zurückgebaut. So kann dann die Simme das Ufer erodieren. Die Baggerarbeiten dazu starten noch in diesem November. Vorgängig werden zwei Blockbuhnen erstellt. Blockbuhnen sind eine Art Halbinsel, die aus groben Steinblöcken bestehen und gut verankert sind. Diese Bauwerke schützen das zukünftige Ufer gegen Erosion und legen die maximale neue Flussbreite fest. Diese beiden Massnahmen ermöglichen ein kontrolliertes Erodieren des Simmeufers. Anschliessend lassen wir die Natur walten und geben der Simme Zeit, sich bis zur sogenannten Interventionslinie zu verbreitern. Dies ist eine Planungslinie, welche die maximale Ausdehnung der Ufererosion eines Baches oder Flusses darstellt. Sobald sie erreicht wird, startet die 2. Bauetappe, in welcher voraussichtlich drei weitere Blockbuhnen zum Schutz des rechten Ufers erstellt werden.

Das heisst, die Simme bahnt sich selbst ihren Weg zum neuen Ufer. Wie darf man sich das vorstellen?

Nach der Umsetzung der Massnahmen wird bei der verbreiterten Simme ein klassischer Prall- und Gleituferbereich entstehen. Als Prallufer wird bei gewundenen Flussläufen das steile Ufer an der Aussenseite einer Flusskrümmung bezeichnet. Dort trifft der Fluss mit relativ hoher Geschwindigkeit gegen die Uferböschung. Das Gleitufer befindet sich am gegenüberliegenden, flachen Ufer in der Innenkurve der Flussbiegung. Hier ist die Strömungsgeschwindigkeit signifikant geringer. Mitgeführte Sedimente werden an diesem Ufer abgelagert.

 

«Meiner Ansicht nach ist das gut investiertes Geld, das direkt der Natur zugute kommt.»

 

Welche Auswirkungen hat dies auf Flora und Fauna?

Prall- und Gleitufer ermöglichen das Entstehen einer bedeutenden Auenlandschaft für unterschiedliche Fischhabitate, Weichholzauen, feuchte Hochstaudenfluren, Kiesbänke, Hecken und Kleinstrukturen. Und diese bilden ihrerseits Lebensraumpotential für auentypische Pflanzen sowie für vorkommende Tierarten. Ergänzend wird zur Förderung der Amphibien am rechten Ufer ein Weiher angelegt.

Gut für die Natur, aber auch kostspielig?

Die Gesamtprojektkosten betragen 1.6 Mio. Franken. Sie werden gemeinsam durch Beiträge von Bund und Kanton, dem kantonalen Renaturierungsfonds, dem BKW Ökofonds, der Simmentaler Kraftwerke AG und der KW Fermelbach AG getragen. Meiner Ansicht nach gut investiertes Geld, das direkt der Natur zugute kommt.

BKW ÖKOFONDS: FÖRDERUNG DER HEIMISCHEN BIODIVERSITÄT, BEREITS SEIT 16JAHREN!

1 Rappen pro verkaufter Kilowattstunde Strom aus naturemade star-zertifizierter Wasserkraft fliesst in den BKW Ökofonds. Die Fondsgelder werden ausschliesslich für ökologische Aufwertungsmassnahmen verwendet. 130 Projekte konnten dadurch in den letzten 16 Jahren realisiert oder finanziell unterstützt werden. Im 2015 erhielt die BKW den Gewässerpreis Schweiz für ihr wegweisendes Engagement und ihre «Pionierarbeit zur Ökologisierung der Wasserkraft beim Wasserkraftwerk Aarberg».

Katja Bauder

Katja Bauder

Projektleiterin Publikationen bei BKW