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Blockchain-Anwendungen haben in der Finanzwelt bereits eine gewisse Marktreife erreicht. Inzwischen prüfen auch andere Industriezweige, welches Potenzial in dieser Technik steckt – so auch die Energiebranche.

Die bekannteste und in gewisser Weise auch schillerndste Anwendung der Blockchain-Technik ist Bitcoin. In diesem dezentralen Zahlungssystem werden Transaktionen direkt zwischen Sender und Empfänger ausgeführt. Eine zentrale Abwicklungsstelle ist nicht mehr nötig. Transaktionen werden in sogenannten blocks zusammengestellt. Jeder Block bildet eine Prüfsumme, die dem nächsten angehängten Block weitergegeben wird. Die daraus resultierende chain wird auf allen Rechnern des Netzwerkes identisch gespeichert. Manipulationen an einem Block sind damit weitgehend ausgeschlossen.

Blockchain in der Energiebranche

In allen Branchen gehört eine Reduktion der Prozesskosten zu den Standard-Geschäftszielen. Angesichts sich stetig verändernder Marktanforderungen sind hohe Flexibilität und schnelle Reaktionsfähigkeit gefragt. Automatisch stossen alle Konzepte, die Prozessvereinfachungen versprechen, ohne den Kundennutzen zu verringern, auf grundsätzliches Interesse. Nicht nur für die Energiebranche liegt der Charme einer Blockchain-Anwendung in dem unkomplizierten «Ware gegen Geld»-Austausch: In dem Augenblick, in dem der Kunde Strom bei einem Lieferanten bezieht, ist er auch schon per Kryptowährung wie Bitcoin bezahlt. Da die Transaktion dauerhaft und sicher dokumentiert ist, entfallen die lästige Rechnungsstellung, das Abwarten von Zahlungsfristen und das Mahnwesen.

Natürlich reden wir hier von der Zukunft. Nach dem heutigen Stand der Technik sind wir von diesem Szenario noch entfernt – wie weit, lässt sich nur schwer abschätzen, aber eine Dekade wird wohl noch ins Land gehen. So sind beispielsweise etliche technische aber auch energierechtliche oder regulatorische Fragstellungen nicht geklärt und alternative Technologien bieten für gewisse Anwendungen zum Teil ähnliche Funktionalitäten. Angesichts der Änderungsgeschwindigkeit in der Energiebranche kann es aber gut sein, dass die innovativen Unternehmen weniger Zeit benötigen. Es gibt weltweit bereits viele Projekte, die den Wegweisen.

So zum Beispiel das niederländische Start-up Powerpeers. Powerpeers versteht sich als IT-Plattform, die Produzenten und Konsumenten von Ökostrom zusammenbringen. Noch nutzt das Unternehmen die Cloud für die Geschäftsprozesse, aber die Richtung Blockchain ist bereits unübersehbar.

Das deutsche Start-up slock.it hat sich einem anderen neuen Geschäftsfeld der Energiebranche verschrieben – der Elektromobilität. Sie haben sich zum Ziel gesetzt, den Betrieb von Ladestationen für E-Mobility durch die Automatisierung der Identifizierung und Zahlung zu vereinfachen. Die bestehenden Zahlungssysteme wie Karten, Gutscheine, Münzen oder Apps bedürfen eines gewissen Betreuungsaufwandes. Mit einer Blockchain kann die Zahlung mühelos automatisiert und ins Digitale ausgelagert werden. Ein weiterer Vorteil ist, dass die Blockchain zugleich eine verifizierbare Abrechnung dokumentiert, womit auch die Buchhaltung der Ladestationen automatisiert wird.

Den Nachbarn mit Strom versorgen – mit Blockchain

Eine kleine, aber immerhin funktionierende Anwendung der Blockchain-Technik ist in der President Street in Brooklyn zu sehen. TransactiveGrid, ein Joint Venture von LO3 Energy und ConsenSys, betreibt eine Plattform, auf der fünf Hauseigentümer in dieser Strasse Überschussenergie produzieren und sie fünf Nachbarn auf der gegenüberliegenden Strassenseite verkaufen. Die Liefer- und Abnahmeverträge werden vollkommen digital abgeschlossen und in der Blockchain gespeichert. Es ist nur wenig Phantasie notwendig, sich ein Netzwerk aus 50 oder 5000 Produzenten und Abnehmern vorzustellen. Die Blockchain-Anwendung verbindet also die Transaktion «Energielieferung» mit der finanziellen Transaktion «Abrechnung». Einfach und für alle Seiten transparent.

Einen interessanten Weg beschreitet Accenture: Das Unternehmen hat den Prototypen einer Blockchain entwickelt, die unter bestimmten, besonderen Umständen verändert werden kann, beispielsweise, um menschliche Fehler zu korrigieren oder rechtliche und regulatorische Bedingungen einzuhalten. Die Blockchain behält dabei ihre kryptographischen Eigenschaften bei, schreibt Accenture in einer Information.

Accenture hat dabei sogenannte geschlossene Blockchains im Sinn, die durch Administratoren nach vorher vereinbarten Regeln verwaltet werden. Damit wird die Blockchain-Technik ganz sicher für Banken und Versicherungen interessant, die ja auf eine gewisse Flexibilität, beispielsweise wegen Mistrades an der Börse, angewiesen sind.

Das Wiener Start-up Grid Singularity ist davon überzeugt, dass sich durch die steigende Zahl von Anwendungen im Energiemarkt ein paralleler Markt entwickeln wird, der an Vertrauen gewinnen wird. Dann ist der Schritt von der alten zur neuen Welt nicht mehr gross. Es wäre nicht das erste Mal, dass sich eine Innovation so durchgesetzt hätte.

Smart Contracts dank Blockchain

Dann sind vielleicht auch die sogenannten Smart Contracts einsatzbereit. Dabei handelt es sich vereinfacht gesagt um Protokolle, die die Logik vertraglicher Vereinbarungen abbilden. Damit wird der Programmcode zum Vertrag, was eine schriftliche Fixierung womöglich unnötig werden lässt.

Smart Contracts werden ausgeführt, wenn (variable) Bedingungen eintreffen, die zuvor festgelegt wurden. Das kann beispielsweise eine Zahlung sein oder ein Datum. Nach einer eintreffenden Zahlung kann zum Beispiel die vereinbarte Lieferung ausgelöst werden. Für die Energiebranche würde das etwa für den Strombezug gelten. Bleibt eine Zahlung aus, löst ein Smart Contract automatisch eine Mahnung aus oder stellt – wenn dies erfolglos bleibt – die Stromlieferung ein.

Weiter könnte bei Stromtransaktionen mit Hilfe von Smart Contracts direkt Einfluss auf die netzdienliche Steuerung von Stromnetzen und Speicheranlagen genommen werden. Wird beispielsweise zu einem Zeitpunkt mehr Strom produziert als benötigt, so könnten Batteriespeicher geladen oder zusätzliche Lasten zugeschaltet werden.

Da es sich bei Smart Contracts um ein Computerprogramm handelt, ist natürlich besondere Sorgfalt angesagt. Spezifikations-, Programmier- oder Implementierungsfehler können leicht zu erheblichen Vermögensverlusten führen.

Dennoch: Auch die Energiebranche wird die Chancen, die in der Digitalisierung stecken, weiter nutzen und entsprechende Anwendungen ausbauen. Schon heute gibt es vielversprechende Ansätze.

Die Erstveröffentlichung dieses Artikels ist im swissICT Magazin erschienen.

Martin Kauert

Martin Kauert

Dr. Martin Kauert ist Leiter Technology Scouting bei der BKW AG.